Art und Weise, Dinge anders zu entscheiden

Ein Hoch auf …!

WoMANtís RANDom

WoMANtís RANDom

Wer ein spontanes Picknick mit dir auf dem Tempelhofer Feld je gemacht hat, kann das sicher nicht vergessen
Es war ein Nachmittag auf unserer Blickhöhe
ein Picknick, das unserem Blick gewachsen war
ein Picknick, aus deiner Idee herausgewachsen

Um uns herum murmelten Gespräche
und plötzlich zauberten wir
Forellen, Tomaten und Bier aus Aldi
und ich, überrascht draußen zu sitzen
mit dem echten Gesang der Vögel
und dem echten Geruch vom Grill

Ich weiß nicht mehr, welchen Tag oder welche Stadt wir hatten
es war eine Art und Weise, die Dinge anders zu entscheiden
die Wünsche anders kreisen zu lassen
und die Details zu begrüßen
Die Pappverpackung, die sich in einen Thron für unsere Forellen verwandelte
Tomaten, mit fein gehacktem Knoblauch vor dem tiefblauen Himmel
eine Sonne, wie durch die Wiese ausgebaucht
die Flamme des Feuerzeugs, die mit der Hitze der Luft konkurrierte
ein kühles Bier
und der plötzliche Wunsch, meine Gedanken durchzustrecken
zur Horizontlinie
in der Ferne funkelten die vorbeifahrenden Autos
Und der Park wurde zu woanders
zu einem Feld am Meer
Dafür reichte, an einen Ort zurückzukehren, wo alles möglich scheint
Ich danke Dir
Fürs wegweisend sein
Es passiert nicht jeden Tag, so eine majestätische Begegnung auf seinem Weg zu haben.

with Juli
(privat © 2013)

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WoMANtís RANDom
is a medioacrobat, playing with video, photography, dance to empower other peoples to archive their own stories in respectful ways. As a Black Feminist and gendervariant person, and advocate for all kinds of pronouns like « they », « fancy » and « fabulous », they currently identify as a street musician.
Their main work is focused on revealing complex stories that are predominantly portrayed as complicated. The inclusion and extension on how all kinds of peoples use language becomes important withing the negotiation of supporting anti-oppressive politics.

You can find their work here

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To a transgender warrior

Ein Hoch auf …!

LANA K.

LANA Kam.
Photo privat

„Who wants to fight for trans* rights?“
fragte Leslie Feinberg 1996 bei einer Lesung in Bremen –
oder war es 1997?
Die Jahre zerfließen zu einem zähen Brei, sagst du.
Vielleicht rief Feinberg eigentlich auf:
„And now we all stand up for trans* rights!“
Den genauen Wortlaut vermagst du mit Sicherheit nicht wiederzugeben.
Anlass war jedenfalls die Erscheinung der deutschen Erstausgabe von Stone butch blues: Träume in den erwachenden Morgen.
Es war in einem weiten, großen, dunklen Saal,
der Saal war voll,
es gab eine Dolmetscherin, die alles ins Deutsche übersetzte:
„Und nun stehen wir alle für Trans* Rechte auf!“
wurde konsekutiv aufgerufen.
Nur drei Leute standen auf
und du warst mittendrin.
Das war nicht lustig, sagst du.
Beunruhigend, verstörend und nicht lustig war es, fügst du hinzu.
Kritisiert wurde die Aktionsform, aufzustehen und somit weit sichtbar für die Mehrheit zu sein.
Hinterher soll die Dolmetscherin in Feinberg’s Ohr auch zugeflüstert haben :
„Du, Leslie, das kannst du in Deutschland nicht bringen …“
Wenn du gezweifelt hast, ob dein Aufstehen an diesem Abend gut war, war es allemal richtig, spätestens als Leslie Feinberg dein vorgelegtes Buch signierte:
„To a transgender warrior“

Liebe Lana,
liebe Kriegerin,

ich liebe die Geschichten „von damals“, die du mir erzählst,
zu der Zeit, wo es nicht so wie heute viele Trans*Vereine, Online-Portale, Informationsplattforme, Trans*Tagungen gab.
Ich nehme dich aus einer gewissen Entfernung wahr – du in Hamburg, ich in Berlin – ich zoome näher heran und erkenne die Geschichten wieder, die sich in unzählige Anekdoten verzweigen.
Geschichten, zu denen ich sage: Tretet ruhig rein, kommt, kommt!
Nicht selten stehen diese Geschichten in Hausschuhen mit einer Tasse Kräutertee in der Hand und hören zu und geben mir Ratschläge.

Ich liebe, wie ich regelmäßig Post bekomme – echte Post, mit Tinte und bunten Briefmarken, und auch virtuelle, E-Mails und SMS mit vielen Links und Tipps.

Ich liebe das T-Shirt, das du mir geschenkt hast:
R.T*.A2 – Revolutionary Trans* Activists Army

Liebe Kriegerin,
liebe Lana,

ich wünsche dir noch zahlreiche Geschichten
und mir, dass ich sie noch hören oder miterleben darf.

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Lana K.
ist neugierig, liebt malaysisches Essen, arbeitet in der Pflege, war von 1994 bis 2013 bei Tampep Germany und ist neuerdings Mitbegründerin vom Hamburger Verein trans*solid.

R.T*A2

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Kunst trifft auf Aktivismus

Ein Hoch auf …!

KAY GARNELLEN

Phoenix_Ewerk
KAy bei den Dreharbeiten von « Fucking Different xxy » (c) Alexa Vachon

Cher KAy,

denke ich über dich nach, fallen mir hunderte von Bildern ein:

Berlin, 2008, das Pornfilmfestival und die Party, bei der wir uns kennengelernt haben. Irgendwann knutschen wir dort zu dritt mit A. zusammen auf einem Matratze-Podest, was mich selbst überrascht. Hinterher wird uns gesagt, das sei mehr sexy gewesen als die Performance auf der Bühne.

Paris, 2009, im Musée d’Histoire Contemporaine, wir besuchen eine Ausstellung über … Berlin. Paris ist so passé.

San Francisco, 2010, dein Lächeln, als du nach deiner Top-Surgery aus der Vollnarkose aufwachst. Ich liebe es, wie du lächelst. Es wirkt so selig und zufrieden. Beim Lächeln strahlst du oft Ruhe aus, eine entspannte Zufriedenheit, die daran liegen mag, dass du im Leben das machst, was dir Spaß macht.

Berlin, 2010, mein Trans* Coming-out, deine Unterstützung, dein nicht-wertendes Zuhören, deine Tipps, die keine bestimmten Richtungen vorgeben sondern einfach Möglichkeiten eröffnen.

2011, im Park Hasenheide, wir küssen uns und werden plötzlich von zwei Kindern gefragt, ob wir schwul sind. Eine meiner ersten Erfahrungen, als Mann zu passen!

2012, 2013, 2014, sehe ich dich auf der Bühne, auf der großen Leinwand, vor und hinter der Kamera, Texte kommen mir in den Sinn, die du mir zum Lesen gegeben hast …

Denk ich an dich, fällt mir vor allem ein, wie du Kunst-Aktivismus mit Sinn erfüllst.

Merci KAy.
Et bravo.

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KAy Garnellen
ist Autor, Performer/Schauspieler, Aktivist fuer Trans*rechte und Sex-/Körperarbeiter. Kay ist in poly-kollaborativen Netzwerken tätig und arbeitet intensiv mit anderen Künstler*innen, Aktivist*innen und Körperarbeiter*innen zusammen. Dabei schätzt er besonders die Inspiration und Motivation, die durch solche Zusammenschlüsse entsteht, sowie die Möglichkeit neue Fähigkeiten zu erlernen. KAy lebt seit 2010 in Berlin und schätzt das kreative Leben der Stadt und all ihrer Möglichkeiten.

Am 15. Januar 2015 hält KAy eine Präsentation über Trans*Porn Perspectives im Schwulen Museum.

“I’m a transgender person. And by changing my body to reflect more closely how I felt about myself I’ve experienced both “sides” of society. Of course, not every trans person sees their transition and their gender identity the way I do.”

Hier geht’s zu KAy’s Blog: kaygarnellen.tumblr.com

Ein Porträt von KAy, das ich für die Aidshilfe geschrieben habe, ist hier nachzulesen.

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Unterm inneren Weihnachtsbaum

Ein Hoch auf …!

YORI GAGARIM

let them talk

Dear Yori,

es war Weihnachten vor vier oder fünf Jahren (oder sechs?).

Damals feierte ich das Ding noch in Frankreich bei meiner Erstfamilie, fuhr hin mit Geschenken im Gepäck, traf zu diesem Anlass Verwandte und alte Freund*innen, hätte so gern die Meisten von ihnen beschert, ging aber nicht, wie auch? Menschen, die ich so selten sehe, etwas zu schenken, das ihnen ganz sicher gefällt, plus wie hätte ich gefühlt 1.745 Geschenke transportiert, und das Geld hätte sowieso nicht gereicht.

Dieses spezielle Jahr vor vier oder sechs Jahren ging es anders.
Dieses spezielle Jahr beschloss ich, dass ich die, die ich lieb hab, mit einem Einblick in „meine Welt“ bescheren würde. Und zwar via Kunst.

So packte ich Plakate von dir ein, Aufnäher, Postkarten, Buttons …
So schön, meinem  Bruder und seiner Freudin ein Poster mit

Mehr Toleranz für Heterosexuelle!

zu schenken,
meiner Mutter anhand einer Postkarte von einer Vending-Machine

Love Patience Time

zu wünschen,
und meinem Onkel, der einen Pizza-Imbiß betrieb (und seitdem sein eigenes Restaurant hat)

Courage Passion Honesty.

Nichts kam mir überflüßig vor.
Ich zappelte in Vorfreude herum.
Und das Gute: Alles wog so gut wie nichts im Rucksack!

Bald ist wieder Bescherung.
Und ich freue mich über dein Buch.
Let them talk!
So ein Titel.
Ein Buch, das mich zum Lachen bringt.

Dear Yori,
Danke.
Deine Sprüche haben mich oft begleitet.
Wenn ich weinen will, nichts als weinen, oder nicht mehr dasein, aber es passiert nicht, denke ich daran:

It is ok to be emo.

Wenn ich eine unsichtbare Fliege stolz um dem Hals trage aber drinnen einen Frosch, der, zisch, nach der Fliege greift und es ist um sie geschehen und meine Stimme zittert, aufgrund von All the arms we need, und ich mich frage, ob es wirklich ok ist, so zu sein wie ich bin und dass ich mich in winzigen Schritten fortbewege, erinnere ich mich daran:

Ich kann mich nicht erinnern, mich auf eure Regeln geeinigt zu haben.

Deine Sprüche sind in meinem Kopf Geschenke, die ich mir selbst schenke.
Bunt eingepackt liegen sie so unterm inneren Weihnachtsbaum und ich kann sie jedesmal, wenn ich sie brauche, neu auspacken.

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Yori Gagarim
macht Kunst für verschiedene Maga/Zine/s und Projekte, z.b. TROUBLE X, keine-kunst-produktion, The Ethical Sloth, OFF-THE-ROKKET und when-people-misgender-me.
Das Buch Let them talk! ist im Herbst bei Edition Assemblage erschienen.

 love patience timecourage passion honestyaufnäherPosters Yori

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Ein Gefühl für Community

Ein Hoch auf …!

EMY FEM

(c) Alexa Vachon, 2014
(c) Alexa Vachon, 2014

Liebe Emy,

Wenn ich dich auf einer Bühne höre,
sei es mit Spoken Word oder in Austauschgruppen, in deiner Position als Vortragende oder Workshop-Leitende,
wird mir bewusst, dass Wohlbefinden Kategorie nicht des Einzelnen sondern der Community ist.

Natürlich gibt es so etwas wie „eine Community“ nicht
aber es gibt sie weiterhin diese Idee,
dass ein Mensch das, was sier begriffen hat, mit Anderen teilen kann.

Im Alltag und in deinen Texten berichtest du über deine Erfahrungen als Femme, als Lesbe, als Sexarbeiterin,
und mir wird klar, wie großzügig du mit deinem Wissen umgehst.

Großzügigkeit kann sich unglaublich präzise auf den Alltag einstellen.

Liebe Emy, du schaffst es, mit sanfter Stimme radikalen Gedanken einen Raum zu schaffen.
Du schaffst es, einen Sog aus visuellen Elementen zu erzeugen
– ah, wie schön du glitzerst, deine Halsketten, Ohrringe, Mini-Röcke und Netzstrumpfhosen!
Du schaffst es derart detailliert durch das Leben zu tanzen, dass ich es fast vergesse, dass das auch viel Kraft und Kampf bedeutet.
Dabei reflektierst du auch deine Privilegien als weiße Citizen des Landes, in dem du lebst.

Liebe Emy, Danke fürs Betonen, dass nicht alle Menschen mit Trans*geschichte den gleichen Alltag haben und die gleichen Diskriminierungen erfahren.

Und wer im Korb ihres Fahrrades zwei kleine Kuschel-Eisbären mitfahren lässt, kann ich nur in mein Herz schließen.

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Emy Fem
ist eine femmeidentifizierte sexpositive Performerin, Aktivistin, Workshopleiterin und Sexarbeiterin mit einem transitionierenden transgendered Körper. Sie setzt sich auf verschiedenen Ebenen mit den Themen Körper, Sexualität und Geschlecht auseinander. In unterschiedliche Workshops und Performances behandelt sie diese Themen in verschiedenen Scenen, Städten und Ländern.

Hier geht zu Emy’s Blog, Emyfem.net.

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