Logbuch #1: Memoiren oder Roman?

Memoiren oder Roman? habe ich mich gefragt, als ich mein neues Schreibprojekt startete. Oder einfach beides? Eine Mischung aus Autobiographie und Fiktion?

Mein Buch sollte ursprünglich zwei Erzählstränge haben:

  1. Das Hauptthema: meine Geschlechtsangleichung – aus gesellschaftlicher, medizinischer, juristischer, struktureller Perspektive – sowie als unerwartete « Nebenerscheinung » die Verschiebung meiner vermeintlichen Herkunft.
  2. Das Nebenthema: eine Liebesgeschichte, die fiktiv sein sollte.

Warum ich eine fiktive Liebe mitten in einer autobiographischen Geschichte erzählen wollte?

Gegenfrage: Kannst du, liebe_r Leser_in, mindestens ein literarisches Werk nennen, das eine glückliche Transgender-Liebesgeschichte erzählt?

« Genau », habe ich gedacht.

« Be the change you want to see in the world! »

Kurz: Schreib’ einfach die Geschichte, die du dir wünschst!

« God forgives those who invent what they need. » (Lillian Hellman, The Little Foxes)

Natürlich sollten beide Stränge miteinander verflochten werden. So sollte die Liebe beispielsweise veranschaulichen, wie sich durch die Transition mein Umgang mit meinem eigenen Körper und meiner Sexualität verändert hat.

Doch Authentizität ist wichtig für Memoiren. Authentizität fasziniert, weil die Leser_innen wissen, dass das, was geschildert wird, tatsächlich passiert ist.

Wenn ich zum Beispiel erzähle, wie ich früher als weiße Frau und nach der Transition plötzlich als jungen Türken oder Araber wahrgenommen wurde und ab dann rassistisch behandelt wurde: In einem Roman denkt man sich: Oh, der Schriftsteller hat viel Phantasie. Da will ich aber nicht meine Phantasie als Autor auf die Probe stellen, sondern den Konstruktcharakter der Rassifizierung beleuchten. Dafür sind eher Memoiren geeignet.

Natürlich können Memoiren die Realität leicht verfremden und fiktionalisierte Ereignisse schildern – sei es nur, um Persönlichkeitsrechte zu schützen.

In der Konzeptionsphase merkte ich, dass die Autobiographie aufgrund der erfundenen Liebesgeschichte allmählich (und zwangsläufig) mehr und mehr fiktive Züge bekam.

Nach einiger Zeit Schreibblockaden und einem Gespräch mit meinem Verleger habe ich beschlossen, mich vom Erzählstrang « Liebesgeschichte » zu verabschieden und mich verstärkt in Richtung « Memoiren » zu bewegen.

Nun kann ich mich besser auf das Hauptthema konzentrieren:

Mein Weg von einer weißen Frau zu einem jungen Mann mit Migrationshintergrund.

 

Martina Minette Dreier
Reality check: Ölgemälde von Martina Minette Dreier
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