Was mir ein Postpaket über „den richtigen Augenblick“ beibrachte

Hätte ich das Paket nicht bekommen, hätte ich erst am 1. Januar wieder angefangen zu bloggen. Wie geplant. Neues Jahr, neuer Anfang. Nicht, dass Silvester etwas bedeutet. Seit drei Jahren feiere ich es nicht mehr – oder doch, aber auf unübliche Weise. Mir kommt es etwas fremd vor, zu einem festgelegten Datum Party machen zu müssen. Außerdem sind mir Knaller, Raketen und Böller zu laut und gefährlich. Die letzten drei Jahre habe ich Silvester zu Hause mit meiner Katze verbracht und mir eigene Ziele für den Countdown gesetzt:

2013 wollte ich um Punkt Mitternacht die erste Fassung meines Monologs „Das Licht ist weder gerecht noch ungerecht“ fertig haben;

2014 wollte ich meine Wohnung umgestaltet haben;

2015 schrieb ich die Rohfassung eines Theaterstückes.

Dieses Jahr will ich mich um nichts, gar nichts kümmern. Ich will das Jahresende der Entschleunigung widmen. Und für Anfang 2017 war es dann geplant, dass ich wieder anfange, zu schreiben.

Aber dann kam das Paket.

Meine Mutter hat ihren Keller ausgemistet und fand alte Sachen von mir, so Papierkram, der muffig riecht:  Kommunikationshefte von der 7. bis zur 10. Klasse, alte Briefe aus der Teenie-Zeit (ich gehöre zur letzten Generation, die das Zeitalter vor dem Handy und dem Internet kennt), mein Madonna-Stalking (mit 13 war ich Fan und ich sammelte und bewahrte alles auf, was ich in der Bravo über sie finden konnte) und mein Madonna-Brief-Set. Unbenutzt. Unberührt. Dieses Set war mir heilig. Eine Mappe mit Briefpapier und Umschlägen mit Madonna-Muster. Für wichtige Briefe, dachte ich, für den besonderen Anlass. Den richtigen Augenblick.

Vor einigen Tagen habe ich den Tod von B. erfahren, der, mit dem ich zum ersten Mal Sex hatte – vielleicht. Im Text „Warum ich seit der Transition keinen Sex mehr hatte“  erzähle ich, dass ich mich nicht genau an dieses erste Mal erinnere, weil wir betrunken waren und ich am nächsten Morgen nicht mehr richtig wusste, ob wir es tatsächlich gemacht hatten. Im Text erzähle ich, dass ich mich vielleicht nicht daran erinnern mag, aber dass Jayrôme „sein erstes Mal“ noch vor sich hat. Und nun, dass ich mich wie ein unerfahrener 13-jähriger Junge fühle, will ich den ersten Sex für die richtig große Liebe aufsparen. Und für den richtig richtigen Augenblick.

Der vielleicht nie kommt.

Der richtige Moment ist der, in dem ich einfach lerne loszulassen.

Publicités

Laisser un commentaire

Entrez vos coordonnées ci-dessous ou cliquez sur une icône pour vous connecter:

Logo WordPress.com

Vous commentez à l'aide de votre compte WordPress.com. Déconnexion / Changer )

Image Twitter

Vous commentez à l'aide de votre compte Twitter. Déconnexion / Changer )

Photo Facebook

Vous commentez à l'aide de votre compte Facebook. Déconnexion / Changer )

Photo Google+

Vous commentez à l'aide de votre compte Google+. Déconnexion / Changer )

Connexion à %s