Pailletten vor die Säue werfen (24-7 spy #5)

In 24-7 spy berichte ich über überraschende Momente im Alltag eines Transgender Mannes. 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche-Spion. 😉

***

Ich steige in den ICE Richtung Frankfurt oder Stuttgart oder ist das Köln? Jedenfalls ist der Wagen voll und ich erwische den letzten Sitzplatz, so einen in Vis-a-vis-Anordnung, und schließe ähnlich einem Tetris-Baustein die Lücke. Nun bildet der Großraumwagen schöne, lückenlose Reihen.

Der Zug zischt ins Rollen und wird im eigenen, gedanklichen Kopfhörer ersetzt durch eine alte Lok unter Dampf pfeifend. Die drei Männer, die mich umgeben, unterhalten sich auf Englisch, während ich lese. Von ihrem Gespräch zu schließen, sind sie Textilhersteller und fahren gerade zu einer Textilmesse. „Fair Handeln“ heißt sie – die Messe „für Fair Trade und globalverantwortungsvolles Handeln“. Von dem ganzen Geschwätz fühle ich mich wie mit einer Hundeleine um die Beine eingefädelt und verliere fast das innere Gleichgewicht. Ich versuche, mich auf meinen Minz-Kaugummi zu konzentrieren.

„Are you going to Frankfurt as well?“

fragt mich plötzlich der Mann schräg von mir. Das Fenster an seiner Seite wurde offensichtlich lange nicht mehr geputzt und draußen ist die Landschaft grau und staubig. Der Textilhersteller scheint an seinem blauen Sakko sehr zu hängen, da er versucht, seinen Arm so weit wie möglich vom Glas zu halten.

„I hope so.“

antworte ich mit höflichem Augenzwinker. Manchmal scheinen mir Fahrtziele so unvorhersehbar wie die herunterfallenden Steine beim Game Boy.

„Where can we have fun in Frankfurt?“ setzt mein Sitznachbar zu.

Ich überlege kurz, welches Theater ich empfehlen kann, oder Kneipe, oder Club, und stelle fest, dass ich Frankfurt kaum kenne. Auch nicht Stuttgart oder Köln.

Die drei schauen mich an. Strahlender Augenaufschlag. Tiefe, funkelnde Blicke. Vielleicht kommt es ihnen so vor, als würden sie gerade Pailletten vor die Säue werfen. Denn ich kapiere gar nichts. Kneipe, Theater … was interessiert sie denn so? Oder möchten sie lieber ins Kino?

Plötzlich – etwa durch eine unerwartete Schwingung des Zuges? Vibrationstraining, das meinen gesamten Körper durchdringt – fällt der Groschen.

Ich dachte, ihre Frage nach dem Fun wäre so unklar wie das Fenster, eigentlich ist sie genauso schmutzig.

Das Rotlichtviertel.

Dort wollen sie Spaß haben.

Ich muss an den Ort denken, wo sie gerade hinfahren. Fair Handeln, die Messe für globalverantwortungsvolles Handeln.

Nicht, dass ich etwas gegen Prostitution hätte. Ganz im Gegenteil. Wir müssen aufhören, uns für Sexarbeit zu schämen, sagt meine Freundin Emy Fem, die sich seit Jahren für den Abbau des Stigmas einsetzt. Sowohl für Huren als auch für Freier.

Leider können derzeit nicht alle Menschen gleichermaßen sexuelle Dienstleistungen in Anspruch nehmen. Wie ich hier schon mal geschrieben habe: Wann kommen Frauen denn auf die Idee, sich eine Hure zu holen, wenn sie z.B. eine ganz spezielle Dienstleistung haben wollen?  Wenn cis-Frauen über Sexarbeit nachdenken, ist das oft fast nur ein „für oder dagegen“ (sprich: ist Prostitution moralisch vertretbar? Sollten Männer Zugang zum weiblichen Körper gegen Geld haben dürfen? …).

Oder sie überlegen, ob sie in die Branche auch mal einsteigen möchten. Selten sehen sie sich als potentielle Kundinnen. Und wenn schon, wo wäre denn das passende Angebot für sie? Männer, die für Heteras am Geschäftsverkehr teilnehmen, sind ziemlich rar.  Und Lesben werden in viele Bordelle erst gar nicht reingelassen. Marktlücke. Und was ist mit allen anderen, die nicht in der Zweigeschlechterordnung passen wollen oder können, oder – wie Emy sagt – die asexualisiert werden, weil sie einen behinderten Körper haben?

Der Zug rüttelt uns schnurgerade. Ich habe Lust, eine Kaugummiblase zu machen. Wäre doch eine nette Art Kaugummi zu kauen.

Das Problem ist auch, dass das sogenannte Prostituierten-Schutz-Gesetz, das Ende März von der Bundesregierung verabschiedet werden soll, für viele Sexarbeiter_innen sich wie einen Schlag ins Gesicht anfühlt. Anmeldepflicht für Huren – was einen Großteil der Branche in die Illegalität treiben könnte; Lizenzen für Bordellbetreiber_innen und das vorgeschriebene zweite Bad – eines für die Freier, eins für Prostituierte -, das das Aus für viele kleine Bordellbetriebe bedeuten könnte; Kondompflicht – mit bis zu 50.000 Euro Strafe gegen Freier, die sich nicht daran halten … Die Bio-Macht läßt grüßen. Oder gemäß Michel Foucault, die Herrschaft des Souveräns über das „nackte Leben“. Schlichtweg: stärkere Kontrolle und Überwachung.

Dass ich gerade keine Lust habe, dieses Gespräch mit ihnen zu führen, damit bin ich nicht wirklich zufrieden. Aber das ist okay. Und eigentlich wollte ich lesen.

Eine Stunde später kommt der Zug im Zischen und Quietschen zum Stehen.

Bevor wir aussteigen, geben mir die drei Männer ihre Visitenkarte. Male bonding eben.

Einer kritzelt noch schnell darauf: „The guy in a blue jaket“.

Ich überlege kurz, ob sich da erneut eine Botschaft verbirgt, die mir entgeht.

Zug

Wie eine Crêpe mir « Intersektionalität » beibrachte … zum Nachlesen hier: Wie eine Crêpe mir « Intersektionalität » beibrachte (24-7 spy #4)

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