Wie eine Crêpe mir « Intersektionalität » beibrachte (24-7 spy #4)

In 24-7 spy berichte ich über überraschende Momente im Alltag eines Transgender Mannes. 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche-Spion. 😉

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« Schöner Militärhaarschnitt » grinst der Friseur.

Ich grinse auch und fahre mit der Hand über meinen kurz geschorenen Hinterkopf. Der Friseur weiß nicht, dass ich, obwohl es zu meiner Zeit in Frankreich noch die Wehrpflicht gab, die Musterung nicht bestanden hätte. Was auch ganz gut ist. Mit neun oder zehn hörte ich zum ersten Mal, dass Jungen zum Militär müssen und eventuell in den Krieg. Ich bekam Angst und war froh, dass niemand wusste, dass ich ein Junge war. Ich bin also desertiert, auf meine ganz persönliche Art.

Nach dem Besuch im Frisiersalon treffe ich meinen damaligen Freund und wir entdecken eine süße kleine Teestube am Kanal im schicken Berliner Kreuzkölln-Kiez. Es ist warm und ich habe Lust auf eine Crêpe mit Vanilleeis und Schokosauce. Vor kurzem habe ich mit Testosteron angefangen und könnte den ganzen Tag nur essen. Auch, weil ich viel Sport mache, Muskelaufbau und Ausdauertraining, ich brauche Eiweiß, Kohlenhydraten, Vitaminen, alles. Mit meinen 34 Jahren erlebe ich eine zweite Pubertät, die Stimme wird tiefer, ein leichter Flaum wächst mir über der Oberlippe … Leider wird mich dieses pubertäre Aussehen gleich davon abhalten, meine Crêpe zu genießen.

Um Testosteron nehmen zu dürfen, musste ich zuerst zum Psychiater. Das verlangt das MDK – das Medizinische Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen: Als Vorraussetzung für die Hormonbehandlung ist eine Psychotherapie von mindestens 12 Monaten, mit anschließender Stellungnahme des_der Therapeut_in. Eigentlich ist dieses Verfahren eine Art « Rekrutenmusterung ». Die Trans*Person muss ihre Tauglichkeit für die Zweigeschlechterordnung beweisen. Auch für die Vornamens- und Personenstandsänderung, bei der zwei Gutachter vom Gericht bestellt werden. Dabei wird nicht die Trans*Person selbst als Expertin in eigener Sache betrachtet, sondern Menschen, die sich möglicherweise niemals Gedanken über ihre eigene geschlechtliche Identität gemacht haben. Als müsse ein Juwelier zum Psychiater, damit Letzterer den Wert eines Diamanten ermittelt. Ich glaube, wie die Musterung bei mir gelaufen ist, hätte genauso gut mein HNO-Arzt die Stellungnahme schreiben können.

Aber zurück nach Nord-Neukölln.

Die süße kleine Teestube hat süße kleine Tische draußen und vor allem Crêpes und Waffeln. Der Geruch nach Pfannkuchen ist bis draußen zu riechen. Die Sonne, die durch die Äste der Linden geht, wirft Lichtstreusel auf den Gehsteig. Während mein Freund in der graumelierten Sonne Platz nimmt, gehe ich hinein, um zu bestellen. Da merke ich, dass das Schaufenster mit einem Stein beworfen wurde und genau in der Mitte ist die Scheibe zersprungen. Schön sieht das aus, ein glasklares, in der Luft hängendes Puzzle, und die Sonne, die sich mit ihren Spektralfarben einmischt.

Während ich das bewundere, fragt mich die Teestube-Besitzerin misstrauisch:

„Guckst du dir dein Werk an?“

Zitat Ende.

Das Erlebnis in der Teestube zeigt hervorragend, was Intersektionalität ist – also die Verschränkung von unterschiedlichen Diskriminierungsformen:

  • Stereotypisierte Geschlechterbilder („Männlichkeit ist gefährlich“: Eine Frau wäre der Teestube-Besitzerin vielleicht nicht so verdächtigt vorgekommen.)
  • Rassismus (ein als weiß gelesener Junge wäre  der Teestube-Besitzerin vielleicht nicht so verdächtigt vorgekommen.) (Ich schreibe « als weiß gelesen », weil ich eigentlich weiß bin. Darüber, wie ich in Deutschland als Junge of Color passe, habe ich hier geschrieben.)
  • Klassismus (ein Mann im Anzug wäre der Teestube-Besitzerin vielleicht nicht so verdächtigt vorgekommen.)
  • Adultismus (ein älterer Herr wäre der Teestube-Besitzerin vielleicht nicht so verdächtigt vorgekommen.)

Diskriminierungen sind nicht (immer) klar voneinander abgegrenzt. Oft (manchmal) sind sie eng miteinander verflochten. Mehrere Diskriminierungsformen stappeln sich ja nicht aufeinander, sondern verschmelzen. In dieser Verschmelzung entsteht eine ganz neue, eigene Form von Diskriminierung. Das ist Intersektionalität.

Intersektionalität ist unumgänglich, um Diskriminierungen zu verstehen. Die Teestube-Besitzerin hätte ein Mädchen of Color vielleicht nicht verdächtigt – und so könnte sie auch behaupten, dass ihre Frage nicht rassistisch war.

Intersektionalität ist wie ein Farbspektrum, das uns ermöglicht, den Lichtstrahl von Diskriminierungsstrukturen besser, weil differenzierter, wahrzunehmen. Was zu effektiveren Schutzmaßnahmen führen kann.

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Kreis-, Kuchen- oder Crêpediagramm

Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) tut sich noch schwer, intersektional zu agieren. Weder « Intersektionalität » noch « Mehrfachdiskriminierung » tauchen im Gesetzestext auf. Nichtdestotrotz versucht die Antidiskriminierungsstelle des Bundes durchaus, das Phänomen zu beachten.

So steht im AGG § 4 und § 27:

§ 4 Unterschiedliche Behandlung wegen mehrerer Gründe

Erfolgt eine unterschiedliche Behandlung wegen mehrerer der in § 1 genannten Gründe, so kann diese unterschiedliche Behandlung nach den §§ 8 bis 10 und 20 nur gerechtfertigt werden, wenn sich die Rechtfertigung auf alle diese Gründe erstreckt, derentwegen die unterschiedliche Behandlung erfolgt.

§ 27 Aufgaben

(5) Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes und die in ihrem Zuständigkeitsbereich betroffenen Beauftragten der Bundesregierung und des Deutschen Bundestages sollen bei Benachteiligungen aus mehreren der in § 1 genannten Gründe zusammenarbeiten.

Das obige Crêpediagramm müsste eigentlich um weitere Diskriminerungsformen ergänzt werden. Sowie um Benachteiligungen, die wegen 3 oder mehr Gründen erfolgen.

Auch bräuchte jeder Crêpesektor einen Eigennamen. Von Aktivist_innen of Color habe ich z.B. den Begriff « Rassexismus » gehört.

Namensideen für die anderen Crêpe-Stücke?

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Was mir in der Männerumkleide auffiel … zum Nachlesen hier: Schutzraum (24-7 spy #3)

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