Schutzraum (24-7 spy #3)

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 In 24-7 spy berichte ich über überraschende Momente im Alltag eines Transgender Mannes. 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche-Spion. 😉

***

Ihre Hand ist so beschäftigt, dass alles um sie herum schweigt, als würde sie allen weiteren Geräuschen den Zeigefinger auf den Mund legen.

Ich schaue zu der Frau. Ich schaue sie an und möchte ihrem Blick begegnen. Ich möchte sie anlächeln, wie einen Menschen.

Die Frau ist dabei zu putzen und ihr Blick hebt sich nicht. Heißer Dampf und Zitronenduft kriechen aus ihrem Eimer hinauf.

Sie putzt bei den Männern sowie bei den Frauen.

Das hatte ich damals gemerkt, als ich noch in die Frauenumkleide ging, dass da drüben gar keine Männer sein dürfen: Fitness-Studio-Mitgliederinnen, Ein-Tag-Gästinnen, Mitarbeiterinnen, Kursleiterinnen und Springerinnen und auch die Menschen, die putzen … reine Frauen.

Der Schrank und ich starren uns an und überlegen, ob wir miteinander sprechen oder lieber weiter schweigen sollen. Über den Holzbänken sehe ich auf Augenhöhe: ein paar Handtücher, die am Haken hängen und die Luft anschneiden. Der Geruch vom Citrus-Reiniger mischt sich mit dem von Schweiß.

Warum darf diese Frau bei den Männern putzen und kein Mann bei den Frauen?
Warum darf nicht einmal eine männliche Reinigungskraft die Frauenumkleide betreten?

„Wegen Rape Culture, weißte, für Frauen wäre ein Typ eine Gefahr, das wäre nicht safe.“
sagt meine innere Stimme.

Unter diesen Umständen wollen meine Hände in der Sporttasche sofort verschwinden. Meine Hände sind schwer. Ich wünschte, sie wären so leicht, dass sie wegflögen, wenn ich dagegen puste. Federne Finger. Ich hätte gern Hände, die die Fähigkeit besitzen, niemandem weh zu tun.

Rape Culture also …

Doch steckt in dem Grund, warum Frauen in den Männerumkleiden putzen dürfen und nicht umgekehrt, nicht noch mehr drin?

Ich stehe vor dem Schrank, vor mir der Schrank, wie bei einem Duell – nur noch einige Präriesträucher durch das Bild rollen lassen, oder Staubflocken.

Als Kind war Frühjahrsputz jeden Samstag.

„Sauberkeit!“ rief mein Vater.
„Sauberkeit!“ rief meine ältere Schwester.
„Sauberkeit!“ riefen alle vier Wände.

Alle hoben imaginäre Gläser und wünschten sich, dass Ordnung für immer bleibt.

Und ich?

Tat nichts. Lag im Bett. Zog mir die Daunendecke über den Kopf. Meine Decke wollte nicht erwachsen werden. Ich sagte, mit mehr Gähnen als mit Worten:

„Was soll die Hektik? Es ist eh länger schmutzig als sauber …“

Ich schlug mir den Schlaf in den Schädel zurück. Mein Kopf, kein Kopf mehr. Der Dunst von Spiritus und Lavendel-Chemikalien schien, der ganzen Familie den Verstand aufzulösen.

Heute sehe ich sie.
Die Frau, die putzt und hier bei den Männern sein darf.
Hautfreundlicher, pH-neutraler und umweltbewusster Reiniger mit schneller und biologischer Abbaubarkeit.
Dazu die besten Gummihandschuhe.
Und wie? Und was?

Warum darf diese Frau bei den Männern und kein Mann bei den Frauen?

„Vergewaltigungskultur, du weißt schon …“

Klar. Frauen als potentielle Opfer zu Lustobjekten herabgesetzt. Sozio-politische Faktoren, die Mißbrauch und Vergewaltigungen begünstigen. Also werden Frauen gebeten, ihre Kleidung, sowie die Art der Kontakte und Unternehmungen und auch die Orte, in denen sie sich in Anwesenheit von Männern aufhalten, mit Vorsicht auszuwählen.

Deshalb.
Ein einziger Putzmann würde bei Frauen, die sich gerade umziehen, auch wenn diese Frauen eine 20-köpfige Gruppe also die eindeutige Mehrheit bilden, ein Putzmann würde eine Gefahr für diese Frauengruppe darstellen. Der Wolf im Schafstall. Und wenn er nichts unternimmt, was ist mit seinen lüsternen Blicken? Dem Kopfkino? Männer nehmen kein Blatt vor die Augen, das wissen wir.

Frauen müssen gesondert beschützt werden.

Ist der Mensch, der gerade putzt, keine Frau?
Ist sie keine Frau, die besonders in Schutz genommen werden muss?
Sie wird ganz allein in die Höhle der Löwen geschickt, warum?

Ihre Sozialschicht.
Eine Putzfrau.
Keine Frau, die putzt.
Eine Putze.
Und wenn etwas passiert …
Der Ex-Direktor des Internationalen Währungsfonds, der 2011 im New Yorker Sofitel eine Frau sexuell belästigt und vergewaltigt haben soll, genoss ja « vollständige Immunität ». So beantragte er die Einstellung der Zivilklage. Das Strafverfahren war von der US-Justiz sowieso schon eingestellt worden, weil das mutmaßliche Opfer als « nicht glaubwürdig genug » galt. Das angebliche Opfer war ja ein Zimmermädchen, ein Mädchen für alles. Und sie war Schwarz. Ein Jahr später wurde in Frankreich ein Ermittlungsverfahren gegen den Mann wegen Vorwurf der schweren Zuhälterei eingeleitet. Drei Jahre später waren laut Umfrage 37 Prozent der Befragten der Meinung, dass der Mann ein guter Kandidat für die französischen Präsidentschaftswahlen 2017 wäre.

Schafstall. Höhle der Löwen.

Ein zweiter Grund meldet sich und hat eine weitere Meinung:

Menschen, die keine Männer sind, werfen auch keine lüsternen Blicke.
Frauen sind überhaupt nicht lüstern.
Frauen erobern nicht.
Sie haben keinen Trieb. Keine Libido. Kein Kopfkino.
Welche Gefahr könnte denn von einer Frau ausgehen?

Der Stoff meines Hemdes flattert nicht im Wind, kein Wind, nichts weht, und die plötzliche Nähe zwischen mir und ihr, das Spüren der Nähe zwischen uns wirkt fremd. Und so bleibe ich. Ich schließe die Augen und blende die Helligkeit selbst.

Wenn ich meine Augen wieder öffne, gibt es in meinem Blickfeld: immer mehr Handtücher, acht, neun, elf Stück, hängend, liegend, verlassen, zusammengeknüllt, alle Menschen sind weg.

Direkt darüber ein Schild:

Liebe Mitglieder & Gäste
Bitte beachten Sie, dass es für die Handtücher einen Rückgabe-Einwurf im Eigangsbereich gibt.
Daher bitten wir Sie, diesen Einwurf zu nutzen und die Handtücher nicht in den Umkleiden liegen zu lassen.
Vielen Dank für Ihre Unterstützung.

Ist Nachsicht das Gegenteil von Vorsicht?

Ich schaue vorsichtig auf die Frau, die putzt. Der Mops wird geschleudert, Wasser tröpfelt in den Eimer.

Ich schaue die Frau, die putzt. Die Sauberkeit der Umkleide trägt nun die Bewegung dieser Person in sich.

Meine Hände sind federschwer.

Ich schaue die Frau an.

An ihrer Stelle würde ich das ganze Handtuch hier werfen.

 

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Das zweite, was mir in der Männerumkleide auffiel … zum Nachlesen hier: 24-7 spy #2: Quatsch_en

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