Ich schenke dir m_ein Nein

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Ich schenke dir m_ein Nein

Es ist 10.15 und ich hab meinen Wecker zum dritten Mal über_hört, so lange, bis mein neurodiverser Kopf sich sicher ist, dass es sich eigentlich gar nicht mehr lohnt zum Workshop zu gehen, weil ich ja ganze 15 Minuten zu spät sein werde. Mit Sicherheit werden mich dann sowieso alle so sehr hassen, dass der 12029719_10153174736635642_620322708150262436_oTag gelaufen ist. Ich bitte meinen neurodiversen Kopf freundlich, sich dahin zu verpissen, wo der Pfeffer wächst und stehe auf. 20 Minuten später sitze ich in der Bahn; 45 Minuten später habe ich ein Buch auf ein, und einen Himmel voller Vögel auf ein zweites Blatt Papier gemalt.

Ich habe entschieden, dass diese beiden Karten für heute „Nein“ bedeuten. Ich habe gelernt, dass mein „Nein“ ein Geschenk sein kann, habe es benutzt und ein „Danke“ dafür bekommen. Es geht ums „Nein“ sagen können, wollen und dürfen.

Mein trans* sein ist eigentlich „Ja“ sagen, aber um dieses „Ja“ leben zu können, muss trans*mensch in dieser Gesellschaft sehr oft „Nein“ sagen. Nein zum falschen Pronomen. Nein zu m_einem Körper. Nein zu Diskriminierungen. Nein zu „bist du dir sicher, dass das nicht nur eine Phase ist?“. Nein zu Birgit Kelle.

Das trans*sein eigentlich „Ja“ sagen ist, zur eigenen Identität, ja allem was Performance, Körper und Worte sein können, ja zu allem, was Körper sagen können, ja zum weiter_leben, ja zu Beziehungen, ja zu so vielem, das vergisst mensch viel zu oft, viel zu sehr. Die Verstricktheit in Abwehrmechanismen, ins beweisen, ausschließen, begutachten, sorgt viel zu oft dafür, dass mensch sich und vor allem, alle anderen nicht mehr wahrnimmt. So sehr damit beschäftigt fern zu halten, was so direkt bedroht, dass völlig verloren geht, wie verdammt schön das alles ist.

Trans* is so fucking beautiful.

In den meisten cis-dominierten Räumen habe ich cis-Strukturen so verinnerlicht, dass ich die trans*Personen um mich herum gar nicht mehr wahr_nehme. Was meine Gedanken dann dominiert, sind die cis-Projektionen, die ich so gerne dekonstruieren möchte, die aber nun mal, ja, kleben wie scheisse. Die trans*Person vor mir wird dann zu einem Sammelsurium aus „post- und pre-op“, „schon seit ich 3 Jahre alt bin“, „Familienzersetzung“ und „der Mann der mal eine Frau war“, dass mir jede Möglichkeit nimmt, der Person* wirklich zu begegnen, ohne erstmal so ungefähr 1,2,3 – viele Jahre struktureller Trans*diskriminierung aus unserem Weg und meiner Wahrnehmung zu räumen. Jayrôme und Kay haben einen Raum geschaffen, in dem wir uns teil_begreifen konnten. Einen Raum, in dem ich jede einzelne Person um mich herum als Person und nicht als Schablone kennen lernen durfte. Unter anderem, weil keine cis-Personen anwesend waren. Aber auch, weil dem „Nein“ sein Defizit und somit seine Dauerpräsenz genommen wurde.

„Nein“ im trans*Kontext ist eine Notwendigkeit. Aber „Nein“ sagen ist negativ besetzt, es ist Verweigerung, es ist die Überwindung ständig kontra geben zu müssen, immer wieder für die eigenen Identität einzustehen, weil sie eben keine Selbstverständlichkeit, sondern pathologisierte Abweichung der konstruierten Norm ist. Es bedeutet, sich selbst zum Stolperstein zu machen. Vor einigen Tagen erst saß ich mit zwei cis-Personen zusammen, die mich zum wiederholten Mal misgendered haben. Immer und immer wieder. Und irgendwann hatte ich einfach keine Kraft mehr, mein Pronomen zu korrigieren. Ich bin ein bisschen tiefer in meinen Stuhl gesunken, habe mir zum fünften Mal angehört, dass ich die „-in“ bin, fuhr nach Hause, starrte auf die Testopäckchen neben meinem Waschbecken und weinte bis ich nicht mehr konnte. Dann bin ich auf meinen Balkon, hab aus dem siebten Stock nach unten geschaut und darüber nachgedacht, dass ich nicht fliegen können will, wenn ich springe.

Ich wünschte, ich hätte da schon Jayrômes’ Satz gehabt: „Jemandem ein „Nein“ zu schenken, bedeutet, dass ich der Person zutraue, damit umgehen zu können.“. Das ständige „Nein“ sagen nicht nur als Überwindung, Defizit und Versagen zu betrachten, sondern als „Ja“ zur Beziehung mit der_den anderen Person_en, das könnte helfen. Wenn ich schaffe, mich an diesen Satz zu erinnern, dann wird es einfacher. Mein „Nein“ hängt jetzt über meinen Schreibtisch. Danke dafür.

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