Warum ich Conchita Wurst nicht toleriere

Als Kind guckte ich gern L’Eurovision. Wir, die 6-köpfige Familie, saßen im Halbkreis um den Fernseher, das war voll Musik und Emotionen, ach und all dieser Sprachen, die ich nicht verstand, wie meine Oma, die halb Sizilianisch halb Italienisch halb Französisch sprach, genau, drei Hälften, aber bei Oma fremdschämte ich mich für ihr Kauderfrench, bei L’Eurovision war Unverständliches ganz schick, als wären wir weit weg irgendwohin geflogen, das konnten wir uns damals nur via Fernbedienung leisten. Mit meinen Geschwistern wetteten wir auf unsere Favoriten, wahrscheinlich hofften wir alle heimlich, dass Frankreich gewinnt – Nationalismus war für mich ein Fremdwort – sogar die Katze hatte ihr Lieblingslied, und die Zimmerpflanze sicherlich auch.

Warum ich Conchita Wurst unterstütze, und warum sie nicht für mich spricht, möchte ich hier kurz erläutern:

    1. Bart als Widerstand
    2. L’Eurovision als Song Contest
    3. Nord_West-Profilieren
    4. Der weiße Mann und die kolumbianische Frau

FAZIT

***

1. Bart als Widerstand 

Vorweg: Die gerade vielbeschworene „Toleranz » hat meiner Meinung nach hier nichts zu suchen. So bernardjenny:

toleranz. ist dann gefragt, wenn jemand in die nähe meiner persönlichen rechte kommt. wenn ausgelassene polterabendgäste in die u-bahn steigen und ich eigentlich gerade city meditation betreiben wollte. (…)

wer glaubt, bei conchita wurst etwas tolerieren zu müssen, behauptet damit, dass ihr auftritt allein schon den eigenen persönlichen rechten nahe gekommen wäre. und das geht zu weit.

In der Presse wird Conchita Wurst wahlweise als „Travestiekünstler_in », „Drag Queen » oder „Frau mit Bart » bezeichnet. Tom Neuwirth selbst schreibt:

Die Privatperson Tom Neuwirth und die Kunstfigur Conchita Wurst respektieren und schätzen einander von ganzem Herzen.

Also schuf er eine Frau mit Bart.

Tom Neuwirth besteht aber auf eine Sache, hier in der taz:

„Ich bin ein Mann und bleibe es. »

Applaus im Pressezentrum – unstatthaft, weil seitens der Medienmeute distanzlos (…)

Ich möchte kurz den Fokus auf diesen Applaus legen.

Die Medienmeute – und generell das Conchita_wohlgesonnene_Publikum – freut sich und empfängt Conchita mit offenen Armen, zum Teil eben weil sie ein Mann ist, der ab und zu in ein Glitzer-Kleid schlüpft und dabei noch bezaubernd aussieht. Conchita ist nicht gefährlich. Sie ist spielerisch. Zwei Herzen schlagen ach in meiner Brust, steht auf ihrer Homepage.  Sie ist  – so paradox wie es klingen mag – eine „natürliche Kunstfigur ». Sie eignet sich als Identifikationsfläche. Hat nicht jeder Mensch schon mal in ein anderes Geschlecht schlüpfen wollen – wenigstens beim Kölner Karneval?

Meine Fragen:

mariam
Mariam (Privatbild)

 

– Wäre eine Cis_Frau* mit Bartwuchs auch in dem Maße verherrlicht?
– Eine Trans_Frau* mit Bart?
– Ein Drag King mit geklebtem Bart?
– Ein Trans_Mann* mit Pailletenkleid an?
– … beliebig fortsetzbar

Auf dem Blog fraumitbart berichtet Mariam über ihren Alltag, z.B. auf Jobsuche, und hier: Nachtrag zur Arbeitssuche mit Bart.

 

Ein Lagerjob wäre eine Verlegenheitslösung, um Geld zu verdienen und nicht von Hartz IV abhängig zu sein. Mir das Gefühl zu geben, dass ich was für mein Geld getan habe.

Meine Fähigkeiten liegen auf ganz anderen Gebieten als „nur” Ware einzutüten und zu versenden.

Kunst natürlich!

Travestiekünstler_innen faszinieren und machen neugierig.  Travestie ist Kunst: nicht künstlich sondern künstlerisch. Keine medizinischen Eingriffe wie Hormonersatztherapie oder chirurgische Maßnahmen. Alles ist und bleibt „natürlich ». Hinter Glitzer-Kleid und Make-Up steckt immer noch die „authentische » Person, ja, der „ehrliche » Mensch.

 

 

In der TV-Reportage Conchita Queen of Austria (inzwischen nicht mehr online verfügbar) erzählt Tom: „Früher war Conchita in der Wohnung eingesperrt“.

Ich war noch nie als Conchita nach Bad Mitterndorf gefahren, weil ich bisher immer die Überzeugung hatte, dass Bad Mitterndorf ganz und allein Tom gehört, weil das seine Heimat ist und da wohnt seine Familie, deswegen hat Wurst nichts verloren. (9’14’’)

Ich kenne das aus Erfahrung. Die Bühne hat eine Art Schutzfunktion. Das Rampenlicht ermöglicht einiges. Im Alltag und auf der Strasse ist es anders, anders zu sein.

Ich 2006 © Emillie Jouvet
Ich in drei Hälften © Emillie Jouvet (2006)

Je mehr Sichtbarkeit für nicht-binären Genderausdruck, desto besser. Auch für Tom/Conchita. Ich wünsche den beiden von ganzem Herzen, von dieser „Toleranz-Welle“ zu profitieren und sich im Bad Mitterndorf nun auch wohl zu fühlen.

Wie Bloggerin Paris Lees in The Guardian schreibt: Wir befinden uns im Wandel der Zeit. 1998 gewann Transgender Frau Dana International den ESC. 2014, Conchita Wurst. Langsam entdeckt die breite Öffentlichkeit etwas, wofür sie nun bereit zu sein scheint. Und sollte die Öffentlichkeit noch nicht ganz soweit sein, soll sie sich darauf fassen.

Wenn Conchita dazu beitragen kann, die Grund- und Neben-Bedeutung des Bartes semantisch zu verschieben, Applaus. (Hier habe ich das Konzept durch einen Minirock kurz erklärt.)

Das könnte klappen. So Kathrin Ebnöther und Mirjam Fricker auf Mainstream Queer Gedacht:

Conchita Wurst verzichtet auf ein abgehobenes Vokabular und komplexe Theoriegebilde, von denen sich möglicherweise nur Subkulturen und akademische Minderheiten angesprochen fühlen.(…)

Sie geht als offene, humorvolle und charmante Persönlichkeit auf die Leute zu und kann ihrem Publikum auf einer emotionalen und persönlichen Ebene die konkrete Bedeutung einer Infragestellung der Geschlechterordnung zeigen.

Ich hoffe, dass das kein Strohfeuer ist.

Andere Bärte:

Hier eine schöne Reportage über Harnaam Kaur:

Die französische feministische Gruppe La Barbe („Wir haben die Nase voll“) hat den Bart benutzt, um auf den strukturellen Sexismus hinzuweisen.

Diese bärtigen Frauen haben nie ein breites Medienecho erzeugt wie Conchita.

Wie Miia Halme-Tuomisaari in A beard is fine but I still want a moustache schreibt:

It feels almost too ironic that it took again a biological man to elevate the beard as a symbol of tolerance and equality in the eyes of the international media!

(Es klingt fast ironisch, dass es wieder einen cis* Mann brauchte, um den Bart als Symbol für Toleranz und Gleichberechtigung in den Augen der internationalen Medien zu erheben!)

2. L’Eurovision als Song Contest

Als ich als Frau lebte und bei einem Poetry Slam (Dichtkunst-Wettbewerb) gut abschnitt, wurde mir nicht selten erklärt: „Weil du eine Frau bist …“ (wahlweise: „Weil du sexy bist …“, „Weil du Französin bist …“).

Zu behaupten, dass Conchita’s Sieg ein „Votum für Toleranz » ist, gehört meines Erachtens genau zu dieser Strategie der (künstlerischen) Entwertung. Nicht nur, dass Vertreter_innen einer Minderheit mindestens zweimal so gut sein müssen wie die Mehrheitsgesellschaft, um die gleiche (falls überhaupt) Anerkennung zu bekommen, sondern unsere tatsächliche Leistung rückt im Erfolgsfall generell sogar eher in den Hintergrund.

Im Spiegel:

An diesem Abend aber war die Wahl eine ideologische, und sie hätte deutlicher nicht ausfallen können.

Das mag unbewusst und ungewollt passieren, aber

Wer glaubt, ein Bart hat den ESC gewonnen, behauptet damit, dass Conchita’s Bart „nicht normal » ist, genauso wie diejenigen, die ihren Bart hassen.

Der Gedanke, dass es sich bei ihrem Sieg um eine Affirmative Action handeln könnte, ist beim ESC fehl am Platz. Laut Wikipedia: Affirmative Actions sind „gesellschaftspolitische Maßnahmen, die der negativen Diskriminierung einer sozialen Gruppe in Form gesellschaftlicher Benachteiligung durch gezielte Vorteilsgewährung entgegenwirken sollen ». Der Sieg bei L’Eurovision ist aber keine gesellschaftspolitische Maßnahme. Schlicht und einfach.

Moderator John Oliver erklärt den ESC im geopolitischen Kontext.

Geht es beim ESC nur um Politik?

Der Spiegel:

Nun wird allenthalben so hartnäckig behauptet, bei dieser Veranstaltung ginge es um Musik, dass höchstwahrscheinlich das Gegenteil richtig ist. Es geht um Politik, immer, und diesmal noch wesentlich mehr als sonst.

In der oben erwähnten Reportage Conchita Queen of Austria sagt der Künstler André Heller:

Dass Israel uns (Österreich) ein paar Tage von der Mauthausen-Befreiungsfeier, die alljährlich ist, zwölf Punkte gibt …

Also wirklich. Falls beim ESC die Punkte aus interessens- und verbündetenpolitischen Gründen vergeben (oder nicht vergeben) werden, wenn der Contest keine Kissenschlacht um Stimmen sondern ein musikalischer kalter Krieg ist, dann sollten wir das Ganze lieber ganz lassen. Nicht einmal meine Katze würde es vermissen, ihr Lieblingssong hat sowieso nie gewonnen.

3. Nord_West Profilieren

Nun wird in der nord_west_europäischen Presse allgemein gern darauf hingewiesen, dass in Minsk und Moskau gegen Conchitas Auftritt scharf protestiert worden sei, und dass Punkte für Österreich daher zwangsläufig zum freiheitlichen Glaubensbekenntnis zu genau dem „Gayropa », als das der Kreml Europa gerne abfällig bezeichne, werden müssen.

Auch Thorbjørn Jagland, Generalsekretär des Europarates, soll Conchitas Sieg als positives Zeichen der Toleranz für LSB/TI-Rechte gelobt haben.

Ich bin kein Fan von Statistiken, aber:

– Auch in Russland und Weißrussland gab es bei der Telefonabstimmung viel Zustimmung für Conchita. In Russland hat sie den dritten Platz erreicht, und in Weißrussland den vierten.

– In Russland liegt Rise Like a Phoenix derzeit auf Platz Eins der  iTunes-Chart.

– Deutschland hat Conchita auf den elften Rang gesetzt. Zitat von Sido, deutscher Juror:

Ich verstehe, dass Frau Wurst ankommt. Früher im Zirkus gab’s ja auch die Frau mit Bart – im Käfig. Da konntest du fünf Goldstücke zahlen und sie dann sehen. Hier kriegt ihr sie umsonst, nur für die ORF-Gebühren halt.

– Hier ein taz-Artikel über Hasskommentare aus Deutschland. (Triggerwarnung)

– Die russische Opernsängerin Anna Netrebko zeigte sich mit Conchita solidarisch und veröffentlichte ein Foto von sich mit angemaltem Bart. Philipp Kirkorov, Teil der russischen ESC-Delegation und Schlager-Sänger-Star forderte auf, die Siegerin zu respektieren. Hier in der französischen Zeitung Le Monde:

Mit oder ohne Bart, Mann oder Frau, es ist egal. Das ist ein Wettbewerb, ein Gesangswettbewerb.

 

In seinem Artikel Eurovision: A continent divided in its sexual attitudes?  hat Dr. Alan Renwick bunte Mappen von Europa erstellt und festgestellt, dass Conchita im Telefonvoting durch fast ganz Europa ähnlich gut abschnitt.

So Stefan Niggemeier:

Wenn man in ihrem Sieg ein Votum für Toleranz sehen will, war es ein Votum, das von west– und osteuropäischen Menschen ausging.

Es waren die Jurys, deren Urteil die Hälfte des jeweiligen Länder-Votums ausmacht, bei denen der Beitrag weniger gut ankam.

Können wir davon schliessen, dass „Intoleranz » vor allem in der sogenannten „gebildeten“ Elite – hier, bei den Juroren – vertreten ist?

Zumindest beim ESC?

Ja, vielleicht sind LGB/T*I* Menschen überproportional unter den L’Eurovision-Wähler_innen vertreten. Ja, Geschmäcker unterscheiden sich aus vielen Gründen, nicht nur bzgl. der Einstellung zur sexuellen Orientierung und/oder zur Gender-Identität. Und ja, für Rise like a Phoenix am Telefon abzustimmen, bedeutet nicht automatisch, dass wir den lesbischen Sohn, die schwule Tochter oder das gender_variante Kind mit offenen Armen in der Familie begrüßen würden.

 

 

Ein post-diskriminierendes Europa?

Miia Halme-Tuomisaari in Beard is fine but I still want a moustache schreibt:

intolerance on racial, religious and cultural grounds intensifies and inequality within Europe keeps growing (…). Yet this reality is neatly erased from view at the Eurovision Song Contest. When looking at both the performers and the live audience, one almost thinks that one has entered a time machine that has travelled back to an era where the populations of Europe were still homogenic, and racial diversity as well as discrimination thereof simply did not exist.

(rassistische Diskriminierung und/oder Diskriminierung aufgrund von Religion und/oder kultureller Zugehörigkeit verstärken sich, während soziale Ungleichheit in Europa weiter wächst (…). Aber diese Realität wird beim ESC geschickt ausgeblendet. Wenn wir uns sowohl die Teilnehmer_innen als auch das Live-Publikum anschauen, könnten wir fast glauben, dass wir durch eine Zeitmaschine uns zurückbewegt haben in einer Zeit, wo Europas Bevölkerung noch homogen (sprich, weiss) war und es People of Color sowie Diskriminierung einfach nicht gab.)

An der Stelle möchte ich der letzten These von Miia kurz widersprechen: Es gab keine Epoche, wo „Europas Bevölkerung noch homogen (sprich, weiss) war und es keine People of Color gab ».

Da lohnt sich die Lektüre des Blogs Medievalpoc – People of Color in European Art History. Hier z.B. der Eintrag: How Does White Supremacy profit from the commonly held belief that there were no People of Color in European History?

 

4. Der weiße Mann und die kolumbianische Frau

Nun kommen wir auf das Tatsächliche, warum ich Conchita Wurst nicht toleriere.

a. Auf deren Homepage schreiben Neuwirth/Wurst, dass Tom in Gmunden und Conchita im kolumbianischen Hochland geboren wurde.

Aussehen, Geschlecht und Herkunft sind nämlich völlig WURST, wenn es um die Würde und Freiheit des Einzelnen geht.

Das kennen wir. „Nur der Wille zählt ». You can do it. Si tu veux tu peux. Diese Sprüche erwecken den Eindruck, es sei komplett egal, ob ein Mensch Sexismus und/oder Rassismus und/oder Klassismus und/oder Homofeindlichkeit, etc. tagtäglich erfährt. Diese Sprüche tun so, als gäbe es keine Machtverhältnisse und keine Unterdrückung. Diese Sprüche behaupten, dass einzig und allein Du für Dein Schicksal verantwortlich bist, also geben sie Dir nebenbei auch die Schuld für Dein eventuelles Scheitern.

Kathrin Ebnöther und Mirjam Fricker bringen es hier auf den Punkt:

Dabei verkennt Conchita aber, dass sie nicht für sich in Anspruch nehmen kann, für jede beliebige Gruppe sprechen zu können und zu dürfen. Als weisser, in Österreich aufgewachsener Mann aus der Mittelschicht hat sie ganz spezifische Erfahrungen gemacht, wurde entsprechend wahrgenommen und behandelt und deshalb anders sozialisiert als eine Person mit anderen Hintergründen und Voraussetzungen, sei dies in Familie und persönlichem Umfeld oder in der Beziehung zum Staat und anderen gesellschaftlichen Institutionen. Gäbe es Raum für Conchita, würde sie gehört werden und auf das gleiche Echo stossen, wenn sie schwarz, übergewichtig oder gemäss Geburtsurkunde weiblich wäre? Conchita blendet solche Differenzen aus und misst somit dem Umstand keine Bedeutung zu, dass sie als Frau einem – wenn auch leicht modifizierten – Schönheitsideal entspricht und als weisser Mann eine besonders privilegierte Stellung innehat.

Es ist selten ein gutes Zeichen, wenn eine weiße Person glaubt, sie dürfe alles, sogar eine Person of Color darstellen. Weiße_Vorherrschaft und  _Allmachtsfantasien und  _Kolonialverhalten sind selten weit weg.*

b. 2013 hat Conchita an der RTL-Reality Show Wild Girls – Auf High Heels durch Afrika teilgenommen. Zwölf Frauen wurden nach Namibia geschickt. In der ehemaligen deutschen Kolonie, wo 1904 die kaiserlichen Truppen einen Völkermord an den Herero und Nama begangen haben, sollten die Kandidatinnen verschiedene Aufgaben lösen. Gekämpft wurde um den goldenen High-Heel.
Diese Sendung habe ich zwar nicht gesehen, aber alles, was ich darüber gelesen habe, reichte um zu wissen, dass es sich dabei um die Kontinuität von weißen (männlichen) hegemonialen Kolonialfantasien handelt: Besetzung von Land und (weiblichem) Körper.

Thomas M Blaser in What’s wrong with the Germans? (Artikel mit Triggerwarnung):

Old-school ethnographic film created the fiction of representing reality with (European) filmmakers and indigenous protagonists staging timeless authenticity. With this mix of fiction and reality, and with the popularity of (ethnographic) nature documentaries in Europe, ethnographers laid the ground for reality TV: does reality TV as a genre not share the same mix of fact and fiction? Do reality TV producers not equally claim to bring different cultures closer to each other?

(Der ethnologische Film alter Schule stellte die Fiktion her, die Wirklichkeit über als anders und primitiv konstruierte Protagonist_innen, die eine zeitlose Authentizität verkörpern sollten, durch den Blick (europäischer) Filmemacher_innen darzustellen. Mit dieser Mischung aus Fiktion und Realität sowie durch die Popularität der (ethnologischen) Naturdokumentarfilme in Europa ebneten Ethnologen den Weg für TV-Reality Shows: Enthält Realitätsfernsehen als Genre etwa nicht die gleiche Mischung aus Fakten und Fiktion? Behaupten Reality-TV-Produzent_innen nicht, dass sie unterschiedliche Kulturen einander näher bringen?)

Heutzutage schaue ich L’Eurovision nicht mehr. Im Nachhinein erfahre ich, wer gewonnen hat. Dieses Jahr liegt Frankreich auf dem allerletzten Platz, worüber ich mich sehr freue.

 

FAZIT

  • Conchita Wurst hat den ESC 2014 gewonnen, weil sie ihre Stimme trainiert, viel übt, gut singt, und ihr Song ein Ohrwurmpotenzial hat
  • Ich glaube nicht, wie einige es in Erwägung ziehen, dass Conchita’s Bart ein Marketing-Trick ist
  • Ich freue mich, wenn viele Kinder und Jugendliche den ESC gesehen haben und dabei eine neue Form von Selbstverständlichkeit in Sache Genderausdruck miterleben durften
  • Ich mache mir Sorgen, welche Erwachsenen neben diesen Kindern und Jugendlichen saßen und welche trans* und/oder homo*feindliche Sprüche diese Erwachsenen eventuell geklopft haben
  • Ich will an eine Zeit glauben, in der nicht_binäre Menschen tatsächlich gefeiert werden
  • In einem nicht-binären System ist es durchaus möglich, Conchita zu unterstützen und gleichzeitig mich von ihr zu distanzieren
  • Ich würde es begrüßen, wenn Conchita sich dafür entscheiden würde, eine weiße Frau zu sein
  • Ich würde es begrüßen, wenn Conchita sich von der Sendung Wild Girls – Auf High Heels durch Afrika distanzieren würde
  • Ich würde mir wünschen, Conchita würde öffentlich klar machen, dass Diskriminierung und Unterdrückung nicht nur mit Gender und/oder sexueller Orientierung zu tun haben
  • Ich wünschte, Conchita wäre trotz des lebensbedrohlichen Hasses, mit dem sie konfrontiert ist, bereit, ihren neuen Status als homonationalistisches Symbol gegen „die intoleranten (süd_ost_europäischen / migrantischen / muslimischen) Anderen“ zu verlieren
  • Ich wünschte, dass es keine grosse Sache für sie wäre, den Status eines homonationalistischen Symbols zu verlieren
  • Ich wünschte, dass Conchita diesen Verlust in Kauf nimmt, denn am Ende geht es nicht um sie
  • Ich wünschte, wir wären in der Lage, Verluste und Fehler anzunehmen – und uns einander zu verzeihen

 

Zum Schluss Balpreet Kaur’s Vortrag The Power behind Kindness.

Danke an Denial, Nadine und Leo für die Gedankenanstöße.

*In Frankreich wird der Name Conchita abwertend verwendet, um klassistische und rassistische Witze zu machen. Anscheinend ist der Name im deutschsprachigen Raum nicht so besetzt – zumindest nicht in Deutschland oder bei den Personen, die ich gefragt habe.

 ***


Anmerkung: Die englischen Zitate habe ich frei übersetzt und bin für Vorschläge dankbar. 

Über « Die Kunst über Rassismus zu schreiben » empfehle ich die Rezension  Toni Morrison – Im Dunkeln spielen. Weiße Kultur und literarische Imagination von Sharon Dodua Otoo.

 

 

 

 

 

 

 

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16 réflexions sur “Warum ich Conchita Wurst nicht toleriere

  1. Kleine Richtigstellung: Frau Wurst hat sich bereits von dieser Afrika Show distanziert und würde das nicht mehr machen. Anderseits, ohne Öffentlichkeit gäbe es auch keine Resonanz.

  2. Erst einmal vielen Dank für das Zusammentragen von so vielen Aspekten und Quellen zu dem Ereignis Conchita Wurst und Euro Visions Sendung.

    Das Wort Toleranz. Was bedeutet es? Vielleicht habe ich es bisher »falsch » verwendet? Definieren Menschen Toleranz unterschiedlich und müssen wir bevor wir uns unterhalten erst mal den Begriff abklären? Wie bezeichne ich es wenn jemand abwertende Bemerkungen macht über z.B. Homosexuelle? Ist das nicht Intoleranz? Oder ist es einfach nur Ignoranz und Angst vor allem was Fremd ist? Wie nenne ich es wenn jemand offen ist für die Vielfalt des Ausdrucks und all seiner Facetten und Gender….etc.? Offen statt Tolerant wäre das dann das « Ersatzwort »? Rätsele etwas über Worte, nachdem ich den ersten Absatz gelesen habe.

    Ja, der Bart kann ein Zeichen von Widerstand sein. Ich denke in meinem Fall ist er das zum Teil auch, obwohl er von selbst kam.
    Von dem angemalten Bart Conchitas bin ich nicht begeistert.
    In Ihrem Fall sehe ich darin kein Zeichen von Widerstand, da Make up und Kleidung Conchitas sich anpassen an das was üblich ist, und wie Frau sich « aufmotzt », ebenso wie ich das Lied als Mainstream sehe und dieser Kunstfigur kritisch gegenüber stehe.
    Wir sind in gewisser Weise gegensätzlich. Während mein Bestreben war ich selbst zu sein so natürlich wie möglich, und ohne Schminke. So geht sie den anderen Weg, einer geschminkten Kunstfigur..

    1. Hey Mariam, vielen Dank für Dein Kommentar!
      « Euro Visions », schön, ich mag die Idee!

      Zum Begriff « Toleranz »: Wenn das Wort laut Duden (auch wenn wir zugegebenermaßen Wörterbücher und Lexika hinterfragen können) Folgendes bedeutet: « dulden, zulassen, gelten lassen », dann stellt das tatsächlich eine Hierarchie her bzw. spiegelt das die vorherrschenden Machtverhältnisse wider, findest Du nicht? Denn wer hat die Macht wen zu dulden? Und welche Voraussetzung_en bwz. Bedingung_en bzw. Kriterien werden von der duldenden Person aufgestellt, damit die geduldete Person geduldet wird? Interessant ist auch die Definition im technischen Bereich: « Tolerieren = eine Toleranz in bestimmten Grenzen zulassen. » Auf dieses « in bestimmten Grenzen » kommt es auch an. Denn eine « tolerierte Person » wird ja oft nur « in bestimmten Grenzen » zugelassen. Und das ist schon ein Einschnitt in die Entfaltungsmöglichkeit_en, finde ich.

      Zu Deinen Fragen: „Wie bezeichne ich es wenn jemand abwertende Bemerkungen macht über z.B. Homosexuelle?“
      Ich würde das z.B. „diskriminierend gegen Homosexuelle“ nennen.
      „Wie nenne ich es wenn jemand offen ist für die Vielfalt des Ausdrucks und all seiner Facetten und Gender….etc.?“
      Ich würde es „entspannend“ nennen 🙂

      Zur Intoleranz: Wieder laut Duden (und wieder mit innerer Vorsicht): « Intoleranz (Medizin): mangelnde Widerstandskraft gegen bestimmte [schädliche] Stoffe. »
      Meine Schlussfolgerung: Wenn wir einem homo_diskriminierenden oder _feindlichen Menschen „Intoleranz“ vorwerfen, werfen wir diesem Menschen dann laut Definition auch seine_ihre „mangelnde Widerstandskraft“ vor (Note to myself: eigentlich will ich nicht, dass dieser Mensch eine höhere Widerstandskraft hat und dementsprechend einen besseren Widerstand gegen mich leistet) UND dabei bezeichnen wir (immer noch laut Definition) die Homos als [schädlich]. Auch deswegen würde ich « Intoleranz » und « intolerant » vermeiden.
      Na gut, das ist alles nur Wörterbuch.

      Zum Schminken: für mich ist „geschminkt“ nicht gleich „Kunstfigur“ und „ungeschminkt“ nicht gleich „natürlich“. „Ich selbst sein“ kann auch bedeuten „mich gern schminken“ 🙂
      Liebe Grüße!

  3. Dankeschön für diesen Artikel. Viele wichtige Dinge gut zusammengefasst.

    Ist es vielleicht möglich, Übersetzung von englischen Zitaten direkt unters Zitat zu machen?

  4. Wieso sollte sich obwohl sie ein Mann mit echtem (nicht angemalten wie in einem Kommentar behauptet) Bart im Frauenkleid mit Perücke ist, als « weisse Frau » deklarieren?

    1. Hi zuerstmensch,
      Conchita sagt selbst, ihr Bart sei « auch nich zu 100 Prozent echt ». « Ich male ihn nach (schwarzer Lidschatten, dicker Pinsel) ».
      Hier nachzulesen in dem Link von Lethe: (http://mobil.derstandard.at/1397521434127/Chat-mit-Conchita-Wurst)

      Bzgl. weißsein: Es geht darum, daß weiße Menschen einfach keine Person of Color darstellen dürfen und sollten. Tom Neuwirth, als weißer Mann, darf eine Frau mit Bart als Kunstfigur schaffen, aber wenn, dann eben eine weiße Frau.

  5. Bravo! Well done!

    Eines der am schönsten geschriebenen, und ausführlichsten Kritiken zum Thema ‘Momentaufnahme des queeren Zeitgeists’ den ich seit sehr langem gelesen habe, und dann auch noch in deutscher Sprache! Ich gewinne oft den Eindruck, dass ähnlich wie beim Thema Feminismus der deutschsprachige Raum in Sachen LGBTI außerhalb der Akademie zur Zeit auf sehr basalem Niveau umeinander stochert. In englisch ist dazu sehr viel, sehr interessantes zu lesen, auch von ‘nicht-Akademikern’, dicht gefolgt von den Frankophonen.

    Ich suche, als jemand der in Berlin lebt, nach Anhaltspunkten die meine Befürchtung widerlegt. Bei Deinem Artikel habe ich den Endruck, dass ich fündig geworden bin. Danke!

    Ich frage mich selbst seit Eurovision warum ich leicht versnobt auf die Figur C.Wurst reagiere, wo ich sonst doch so afin bin. In Deiner kritischen Auseinandersetzung fand ich einiges an Erklärendem hinsichtlich meiner eher reflexartigen Indifferenz ihr gegenüber. Der Gedankenkreis schließt sich für mich angenehm versöhnlich mit der Reaktion, oder zeitgleichen Artikel von Mainstream Queer Gedacht, « Conchita Wurst was soll das? » [http://kesselschmiedin.wordpress.com/2014/05/04/conchita-wurst-was-soll-das/]

    So kann dieser wunderschöne Sonnentag beginnen. Nochmals Danke.

  6. A reblogué ceci sur Looney Babewynie, the jabberwock cook:et a ajouté:
    Diese (etwas längere) Ausführung ist die Mühe des Lesens wert. Dann danach zum verdauen bei Mainstream Queer Gedacht, « Conchita Wurst was soll das? » [http://kesselschmiedin.wordpress.com/2014/05/04/conchita-wurst-was-soll-das/comment-page-1/#comment-6] als Nachwort.

    Jut jemacht! – sagt Tante Buhn

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