Champagner zum Frühstück?

Hier mein Artikel über die französische Parallelgesellschaft in Berlin – erschienen in der aktuellen Ausgabe vom taz.plan, wöchentliche Berliner Kulturbeilage der taz.

Champagner zum Frühstück?11

UND HIER EIN PAAR WORTE ZUM BEGRIFF ‘EXPAT’

Aber zuerst zu ‘Minirock’.

Wie jedes Wort hat ein Minirock:

– eine Grundbedeutung (oder mehrere), auch Denotation genannt. In dem Fall:

Sehr kurzes Kleidungsstück, das von der Taille an abwärts den Körper bedeckt und oberhalb des Knies endet (Quelle: Duden Online)

–  eine Nebenbedeutung (oder mehrere), auch als Konnotation bekannt. Das sind Gedanken-Assoziationen, Emotionen, positive oder negative Wertungen, die hervorgerufen werden, wenn wir das Wort lesen, hören oder sprechen.

Z.B. könnten einige Menschen bei ‘Minirock’ eventuell folgende Konnotation im Kopf haben:

Für Frauen und Mädchen*

‘Minirock’ könnte auch mit „Sexy“ besetzt sein. Oder mit „Unpraktisch“. Mit „Da frieren die Beine“, oder umgekehrt: „Ziemlich angenehm an heißen Sommertagen“. Leider kennen wir weitere wertende Konnotationen: „Diejenigen, die einen Minirock tragen, dürfen sich nicht wundern, wenn sie blabla“.

Manchmal hat ein Wort die gleiche Konnotation für eine ganze Gruppe bzw. Gesellschaft; manchmal gilt sie nur für eine_n selbst. ‘Minirock’ könnte z.B. individuell besetzt sein mit „ohrenbetäubend aber niedlich“, weil eine_r dann immer an eine „Mini-Rockband“ denkt, etwa eine Miniatur AC/DC, fünf Kleinkids probend Highway to Hell auf dem Hochstuhl  mit lauthalsem Rumgeschrei als Lead-Gitarre samt Gabel, Löffel und sonstigem Besteck statt Trommelstöcken.

Z.B. für mich ist eine Nebenbedeutung von petit pain au chocolat: Luxus.

– im Kommunikationsprozess kann ein Wort auch eine intentionale Bezugnahme haben. Das ist die Intention, die Absicht, mit der wir ein Wort verwenden.

Z.B. könnte jemand die Shorts einer Frau als Minirock bezeichnen, mit der Intention diesen Menschen zu sexualisieren (unter Bezugnahme auf die mögliche Rock-Nebenbedeutung: „Sexy“), oder um einen Mann zu ‘entmännlichen’ (unter Bezugnahme auf die mögliche Rock-Nebenbedeutung: „Für Frauen und Mädchen“).**

Und was hat das alles mit den ‘Expats’ zu tun?

Ganz einfach.

Auf der denotativen, konnotativen und intentionalen Ebene ist das Wort ‘Expat’ falsch und problematisch.

1. Auf der Ebene der Denotation:

‘Expat’ wird  schlicht und einfach unkorrekterweise verwendet.

Die Grundbedeutung von ‘Expat’ ist nicht:

weiße Menschen, die nicht in ihrem Herkunftsland sondern in Prenzlauer Berg oder im Karoviertel leben, teure Kinderwagen zeugen und eine Bereicherung für das Land darstellen.

Sondern:

Expat Noah Sow
Aus Susan Arndt, Nadja Ofuatey-Alazard (Hg.) – Wie Rassismus aus Wörtern spricht (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk. Unrast Verlag, 2011

 

2. Auf der Ebene der Konnotation:

Hier ein paar mögliche assoziative, emotionale und wertende Nebenbedeutungen des Wortes ‘Expat’:

Cool; Willkommen; Kennenlernenswert; Bereichernd; Die-gleichen-(westlichen/christlichen)-Werte-teilend; darf meckern jedesmal, wenn ihr_ihm hier etwas nicht gefällt, und das ohne sofort zu hören: „Dann geh zurück in dein Land! »; könnte ruhig mehr süße Nachfolger bekommen, nicht zuletzt auch wünschenswert für die Ge­bur­ten­ra­te; darf auf der Strasse besoffen sein und nachts laut singen oder brüllen; kommt aus der Mittel- oder Oberschicht; ist legitim_iert hier zu leben und zu arbeiten oder Hartz IV zu kriegen bei gleichzeitigem Beziehen von Sozialhilfe aus der Heimat, weil das dortige Jobcenter nicht weiss, dass der Expat sich eigentlich in Deuschland aufhält und Party macht …

Andere, die auch nicht in ihrem Herkunftsland leben, sind Migrant_innen.

Hier einige mögliche assoziative, emotionale und wertende Nebenbedeutungen des Wortes ‘Migrant_in’:

Uncool; Unerwünscht; Nichtkennenlernenswert; Nichtbereichernd; Andere bzw. mit-dem-Westen-nicht-kompatible-Werte-besitzend; wenn es ihnen hier nicht gefällt, sollen sie gefälligst zurück in ihr Land!; kriegt zu viele Bälger; darf nicht auf der Strasse besoffen sein, singen oder brüllen oder man ruft eben die Bullen; kommt aus der Unterschicht; ist bildungsfern; will nur von der Stütze leben …

3. Auf der Ebene der Intention:

Der Konstruktionsprozess, der Migration und Migrant_innen herstellt,  und damit auch privilegierte und deprivilegierte Positionen schafft, hat soziale, kulturelle, wirtschaftliche und politische Funktionen und Wirkmächtigkeit.

Z.B. während die Zweisprachigkeit der nicht-migrantischen Migrant_innen™ anerkannt, gewürdigt und gefördert wird (Lycée Français, AbiBac …) gilt für andere Deutschpflicht auf Schulhöfen.

Das Land braucht migratisierte Migrant_innen*** bzw. das Land braucht die abwertenden Konnotationen, mit denen ‘migratisierte Migrant_innen’ besetzt werden, um die weiße Vorherrschaft zu rechtfertigen, den weißen Alleinherrschaftserhalt sicherzustellen, um zu begründen, warum Leute immer wieder und willkürlich im öffentlichen Raum kontrolliert werden, warum andere abgeschoben werden, warum nicht mehr Moscheen gebaut werden, warum die Wissensproduktion in den selben Händen bleibt, warum bestimmte Interessen konsequent bevorzugt werden.

–> Indem wir einverstanden sind, den Begriff ‘Expat’ zu verwenden, stellen wir Systeme und Wirklichkeitsvorstellungen aktiv her, die die Gesellschaft in Willkommenen>< Unerwünschten,  Guten >< Bösen willkürlich und rassistisch aufteilt.

Ganz abgesehen davon, dass es in Deutschland Menschen gibt, die sehr wohl in ihrem Herkunftsland leben – sprich Deutschland – und trotzdem als Migrant_innen konstruiert werden.

FAZIT

Ein Wort, das auf allen drei Ebenen – Denotation, Konnotation und Intention – falsch und nicht vertretbar ist, sollte mindestens nicht mehr verwendet werden. Zumindest nicht wie es heute benutzt wird.

 

—–

* Der Duden schließt das mögliche Merkmal „Für Frauen und Mädchen“ in die Definition selbst des Wortes ‘Rock’ ein. Im Grunde macht er also aus der Nebenbedeutung eine Grundbedeutung. Jedoch: ich behaupte, dass „Für Frauen und Mädchen“ zu ‘Minirock’ im konnotativen Verhältnis steht, und nicht zu dessen Denotation zählt.

** Ich weiss, dass ich gerade mit binären Kategorien hantiere, und dass die angebliche ‘Entmännlichung’ auch nur aufgrund vom (Hetero)Sexismus, der Weiblichkeit u.a. als konträr zur Männlichkeit konstruiert und als ‘schwach’ entwertet etc., stattfinden kann.

*** Die Begriffe „Migratisierung“ und „Migratismus“ wurden von Alyosxa Tudor geprägt, in Rassismus auf gut Deutsch – Ein kritisches Nachschlagewerk zu rassistischen Sprachhandlungen. Adibeli Nduka-Agwu/lann hornscheidt (Hrsg.)

 

 

 

Publicités

2 réflexions sur “Champagner zum Frühstück?

  1. Hey, cooler Eintrag! 🙂

    Nur eins: weiß nicht, ob du dich hier auf ein bestimmtes Modell zur Bedeutung von Wörtern beziehst, aber « intensional » hat, wenn ich mich nicht krass irre, nichts mit Intentionen zu tun. Wenn’s also um Intentionen gehen soll, müsste es « intentional » heißen. « Intensionale Ebene » wäre eher sowas wie die Denotation oder die Grundbedeutung, der Sinn eines Begriffs. http://de.wikipedia.org/wiki/Extension_und_Intension#Intension

    Bin gerade erst über den Artikel zu Conchita Wurst und Toleranz auf dein Blog gestoßen, gefällt mir, schaue mich mal weiter um.

Laisser un commentaire

Entrez vos coordonnées ci-dessous ou cliquez sur une icône pour vous connecter:

Logo WordPress.com

Vous commentez à l'aide de votre compte WordPress.com. Déconnexion / Changer )

Image Twitter

Vous commentez à l'aide de votre compte Twitter. Déconnexion / Changer )

Photo Facebook

Vous commentez à l'aide de votre compte Facebook. Déconnexion / Changer )

Photo Google+

Vous commentez à l'aide de votre compte Google+. Déconnexion / Changer )

Connexion à %s