Trans* im Film: Das wollen wir ändern

Bei den Oscars, den Golden Globes und den Hollywood Film Awards wurde Jared Leto für seine Rolle als Transgender Frau Rayon in Dallas Buyers Club als „Bester Nebendarsteller“ ausgezeichnet.

Und?

Dein Hintern? Du Arsch

Rückblende.

So sprach Jared Leto im Oktober 2013 bei den Hollywood Film Awards (0’40’’ und 2’08’’):

I’m not sure why you did this, maybe it’s because you’ve heard I have very smooth thighs, or I had a great little brazilian bubble butt – it’s in the film in case you don’t believe me.

(Ich bin mir nicht sicher, warum ihr das getan habt, vielleicht habt ihr gehört, dass ich glatte Oberschenkel habe, oder dass ich einen süßen geilen brasilianischen Hintern habe – wenn ihr das nicht glaubt, könnt ihr im Film nachschauen.)

One of the many things I had to do for this transformative role was to wax my entire body. Thanksfully it wasn’t a period piece so I didn’t have to do the Brazilian… you know… you know what I’m talking about… and so do some of you guys out there too.

(Eins der vielen Dinge, die ich für diese transformative Rolle tun mußte, war meinen ganzen Körper mit Wachs zu epilieren. Zum Glück war es kein Historiendrama und ich musste kein Brazilian Waxing machen … Ihr wisst schon, wovon ich rede… Und einige Jungs im Raum auch.)

Hier seine Worte bei den Golden Globes (1’10’’):

I’d like to use this opportunity to clear up a few things: I did not ever use any prostetics in this film, that tiny little brazilian bubble butt was all mine. It was a very transformative role and I had to do a lot of things to prepare, one of the things I did was wax my entire body, including my eyebrows. I’m just fortunate that it wasn’t a period piece so I didn’t have to do a full Brazilian… Ladies, you know what I’m talking about though. And so do some of you men, I think. (2)

(Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um ein paar Dinge zu klären: In diesem Film habe ich überhaupt keine Prothesen verwendet, mein kleiner süßer brasilianischer Hintern ist echt. Es war eine sehr transformative Rolle und ich musste eine Menge Dinge tun, um mich vorzubereiten. Eins davon war, dass ich meinen ganzen Körper epiliert habe, samt Augenbrauen. Ich hatte Glück, dass es kein Historiendrama war, also musste ich nicht das komplette Brazilian Waxing machen. Ladies, ihr wisst, was ich meine. Und einige Jungs hier auch.)

Und hier bei den Oscars:

Den aufmerksamen Leser_innen wird sicherlich nicht entgangen sein, dass Jared Leto seine Auseinandersetzung mit seiner Rolle als Trans*Frau nur körperbezogen zusammenfasst, und sich darüber zu amüsieren scheint; nicht ein einziges Mal das Wort Trans’, Transgender, Trans’communities oder derlei über die Lippen bringt; stattdessen spricht er in Hollywood von Rayon als  „beautiful creature“ (4’23 »), bei den Golden Globes bedankt er sich ganz zum Schluß „bei allen Rayons dieser Welt … für die Inspiration“ (2’23 »), und bei den Oscars gedenkt er zuerst „aller Träumer dieser Welt wie in der Ukraine oder in Venezuela“ (2’00 »).

Ein Verbündeter hört sich anders an.

Hier A step by step guide through Jared Letos Trans Ignorance.

Ein Verbündeter hätte zB. auf die verzerrte Darstellung von Trans*Menschen in den Medien eingehen können, oder auf die staatliche Unterdrückung, die zwischenmenschliche Alltagstransphobie, die strukturellen Diskriminierungen. Hier hatte ich darüber geschrieben, was es mit der Lebensrealität Transphobie auf sich hat.

Wir existieren nicht, um für irgendwen eine künstlerische Inspiration oder eine Unterhaltung zu sein, auf deren Kosten Witze gerießen werden.

In den USA wurde viel darüber diskutiert, ob Rayon lieber von einer Trans*Person hätte dargestellt werden sollen. Eine Liste von 10 Trans*Schauspieler_innen wurde verfasst, die Rayon hätten spielen können. Einige fragen sich, ob DAS nicht transphob wäre, wenn Trans* auf Trans*Rollen beschränkt werden würden (niemand hat so etwas behauptet). Andere betrachten die Tatsache, dass Trans*Rollen meistens mit Cis*Menschen besetzt sind, als „Transface“ und vergleichen das mit der Blackface-Praxis.

Hier drei Probleme, auf die ich eingehen möchte:

1. Die strukturelle Abwesenheit von Trans*Darsteller_innen in der Filmbranche
2. Die Archetypen von Trans*Rollen im Fillm
3. Der Vergleich Transface = Blackface

***

1. Die strukturelle Abwesenheit von Trans*Darsteller_innen in der Filmbranche

tweet

Auf die Frage, ob Trans*Rollen generell von Trans*Menschen dargestellt werden sollten, soll Jared Leto geantwortet haben, wenn er keine Trans*Frau spielen dürfe, dann dürfe auch kein schwuler Schauspieler einen Hetero spielen.

Interessant. Klar. Die schauspielerische Leistung besteht grundsätzlich darin, eine Figur darzustellen, die mensch nicht ist.  Vermutlich kamen in Fritz Langs Metropolis auch einige Menschen, die die Arbeiterklasse spielen, eigentlich aus der Mittel- bzw. Oberschicht, und François Cluzet in Ziemlich Beste Freunde sitzt sonst auch nicht im Rollstuhl. Nur ein Bedenken zu Letos Argument: Diskriminierte bzw. deprivilegierte Gruppen haben tatsächlich weniger Zugang zu Ressourcen aka Rollen, und Schwule werden tatsächlich nicht selten diskriminiert, wenn es darum geht, für eine heterosexuelle Rolle gecastet zu werden.

In ihrem Artikel bezieht sich Jennie Kermode auf eine Umfrage der SAG-AFTRA (u.a. US-amerikanische Gewerkschaft für Schauspieler_innen) vom vergangenen Herbst: 16% der LSBT*-Darsteller_innen sollen in Hollywood Diskriminierung erlebt haben, und das betrifft Trans-Menschen am stärksten.

In Hollywood wird ein Schauspieler, der offen schwul ist, eher nicht für eine Hetero-Rolle in Frage kommen, weil er dann als „unglaubwürdig“ gelte. So lautet die These Ramin Setoodeh’s in seinem umstrittenen Artikel über die Schwierigkeit für schwule Darsteller Heteros auf der Leinwand zu verkörpern. Wo Vertreter_innen der Mehrheitsgesellschaft, die bekanntlich als Neutrum gelten, Lorbeeren ernten („wow, sie spielen eine Figur, die sie im realen Leben gar nicht sind“), wird bei marginalisierten Gruppen als unglaubwürdig abgestempelt, weil das, was sie im realen Leben sind, nicht als „neutral“ genug gilt und daher als einziges (wichtiges) identitäres Merkmal an ihnen klebt.

Andersherum

Um Letos Vergleich analysieren zu können, müssen erstmal die Gleichungsparameter in ihrer jeweiligen Position im gesamtgesellschaftlichen Machtverhältnis auch übereinstimmen.

Anders ausgedrückt:

Wenn Jared Leto als Cis*Person keine Trans*Person verkörpern darf, dann darf vielleicht auch kein Hetero einen Schwulen spielen.

Vielleicht ist das aber auch keine Frage des „Dürfens“?

Wenn ein Mensch sich in einer dominanten oder privilegierten Position befindet (hier: Cis* > Trans* oder Hetero > Schwul), kann er sich natürlich mitunter überlegen, ob er eine Rolle, eine Stelle oder generell einen Vorteil dank persönlicher Verdienste bekommen hat oder überwiegend aufgrund eines gesamtgesellschaflitchen Systems, das ihm Privilegien und Vorrechte gewährt (1. Schritt), ob er nicht vielleicht kurz zurücktreten möchte, um Platz und Raum zu schaffen (2. Schritt) oder z.B. seine Privilegien benutzen will, um sich für mehr Chancengleichheit einzusetzen (3. Schritt)?

Es ist Fakt:

– Trans* bekommen keine Cis*Rollen
– Trans* bekommen extrem selten Trans*Rollen
– Cis* bekommen alle Cis*Rollen
– Cis* bekommen die eklatante Mehrheit der Trans*Rollen

Auch anzumerken: Bis jetzt werden Trans*Frauen mehrheitlich von Cis*Männern gespielt.

Konsequenterweise können die meisten Trans*Frauen auf der Leinwand sich nicht glaubhaft geschlechtsangleichenden medizinischen Maßnahmen unterzogen haben, wie z.B. Hormonersatztherapie, und sie festigen das Stereotyp, dass Trans*Frauen „eigentlich nur Männer in Frauenkleidung“ seien. Die mediale Darstellung von Trans*Weiblichkeiten führt zu noch mehr Stereotypisierung und Stigmatisierung.

transequality march hollywood
Lana Leitova und Madison Rae. Aktion am 2.3.14 vor den Academy Awards in Hollywood unter dem Motto: « Why are you Hollywood Producers keeping trans people out? »
 / Photo: Kerri Cecil – Klickt auf das Bild, um ein Interview mit Kerri Cecil und Kurzfilme von ihr zu sehen.

2. Die Archetypen von Trans*Rollen im Film

Here we go! Wir haben:

den leidgeplagten / einsamen Freak (Transamerica, Risky Business, The Hangover: Part II, Hedwig and the Angry Inch, Laurence Anyways …)
den lustigen / überdrehten Freak (Priscilla – Königin der Wüste, Hedwig and the Angry Inch …)
den sterbenden / ermorderten Freak (Soldier’s Girl, Boys Don’t Cry, Dallas Buyers Club …)
den gefährlichen / serial killer Freak (Psycho, Dressed to Kill, Das Schweigen der Lämmer).

Die vier Archetypen schliessen sich gegenseitig nicht aus.

Dallas Buyers Club habe ich nicht gesehen – aber Jared Leto auch nicht – hier nachzuhören

I have had the time to see the movie, I made the choice not… to see the movie. 1’16’’ (3)

(Ich hatte eigentlich die Zeit mir den Film anzuschauen, ich habe beschlossen, ihn nicht zu sehen.)

Mir reicht zu lesen, dass es wieder um eine Trans*Sexarbeiterin, wieder um eine Trans*Drogensüchtige, wieder um eine Trans*Außenseiterin, wieder um eine Trans*Person, die am Ende einen hohen Preis dafür zahlt, geht.

Kleiner Exkurs

Ich habe zwei Jahre an einem Roman geschrieben, bis ich festgestellt habe, dass ich beim aktuellen Stand der Dinge bzgl. der medialen Repräsentation von Transidentitäten dieses Buch doch nicht veröffentlichen möchte.

Kurz gefasst: Der Roman erzählt von der Schwangerschaft eines Trans*Mannes, der in die Schusslinie der Boulevardpresse gerät. Bereits zu Beginn steht fest, dass das Neugeborene gestorben ist. Rückblickend wird die Geschichte der Schwangerschaft, der Geburt und das erste Jahr danach dargestellt. Die Geschichte handelt von dem Druck der Medien und der Gesellschaft, und geht der Frage nach, „wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann“ – eigentlich wie bei Heinrich Böll, Die verlorene Ehre der Katharina Blum. Ein Elternteil wird nämlich nach dem plötzlichen Kindstod zu einer Tat veranlaßt, die sie ohne Klatschblätterhetze nie begangen hätte.

Nach zwei Jahren und vielen Recherchen habe ich mich gefragt: Will ich wirklich diese Geschichte in die Welt setzen? Die Antwort war nicht einfach. Irgendwann kam ich zu dem Schluss: Nein. Obwohl mein Ziel war und ist, die menschenverachtenden Berichterstattungen auf den Grund zu gehen, werde ich mir erst erlauben, etwas Trauriges/Tragisches zu publizieren, wenn viele unterschiedliche und empowernde Geschichten von/mit queeren und Trans*Lebensentwürfen zur Verfügung stehen. Nun meine ich nicht, dass alle das gleiche machen müssen. Nur, ich denke, dass ich als Autor_in für die Geschichten, die ich schreibe, eine Verantwortung trage. Weil Kunstproduktionen (und Werbung gehört dazu) meistens die Realität eigentlich fortschreiben bzw. erschaffen, die sie angeblich „nur“ abbilden.

Bzgl. der Gefahr des einseitigen Bildes, hier ein Artikel von TQ: Bedrohung durch Stereotype, oder: Warum Repräsentation so wichtig ist.

Ich habe ein bisschen untertrieben

Eigentlich gibt es ja schon alternative Darstellungen von Trans*Menschen auf der Leinwand: in community-based, low-budget, crowdfunded Filmen. Man braucht sich nur das Berliner queere Filmfestival Entzaubert anzuschauen, und Filmemacher_innen wie Juli(a) Rivera, Tom Weller, Vika Kir­chen­bau­er, James Ro­sa­lind, Alec Butler, um nur ein paar zu nennen, schaffen vielfältige und oft empowernde Repräsentationen von Trans* / queeren Realitäten.

Und: community Filme schaffen es auch in die großen Festivals, wie The Owls von Cheryl Dunye, der 2010 bei der Berlinale lief.

Auch hier nachzulesen, wie man es anders machen kann: The Future of Trans Representation.

Also wo liegt das Problem?

Die britische Trans*Aktivistin Lexie Cannes bringt auf den Punkt, warum trans*Darsteller_innen in Hollywood keine Rollen bekommen: Wegen Geld. Tja. Investoren wollen große Namen, die Kinos füllen. Wie Jared Leto eben. Laut Cannes hat aus marktwirtschaftlichen Gründen heutzutage praktisch keine Trans*Person eine Chance, dass ein_ Investor_in $ 50.000.000 in sie_ihn investiert.

Leider sind die Spielregeln oft die des Kapitalismus. Das können wir aber ändern.

3. Der Vergleich Transface = Blackface

Dieses Video von Erin Armstrong AKA Grishno hat zwei Haken:

Erstes Problem: die Liste (0’56’’), die eigentlich aus Wikipedia stammt und nicht vollständig ist, sowie die herangezogene Statistiken

Wie wir mindestens seit Thilo Sarrazin wissen, der in seinem Essay Deutschland schafft sich ab anhand von scheinheiligen Tabellen und Ziffern seine rassistische Weltwahrnehmung mehr schlecht als recht beleuchtet hat, können Statistiken die Wirklichkeit verzerren.

Grishno führt vor:

– Unter den 8 Filmen, die in 12 Jahren einen Trans*Mann als Figur hatten, wurden 4 davon von Trans*Männern gespielt (was nicht stimmt, wie wir später sehen werden). Daher kommt Grishno zu dem Schluss, dass… wow, satte 50% der Filme hatten einen Trans*männlichen Darsteller! Im Vergleich zu 15% für Trans*weibliche Darstellerinnen, bei 45 Filmen in 48 Jahren.

Meine Schlussfolgerung wäre: Wow, in 48 Jahren bringen NUR 8 Filme eine Trans*männliche Figur auf die Leinwand! Das sind 1,5 alle zehn Jahren; 0,15 Trans*Mann im Jahr.

– Und sowieso: Funny kind a guy, Southern Confort, Boy I am, Let me die a woman, The Transgender Path, Red without Blue und The Forgotten DJ/Model sind ja Dokumentarfilme – daher ist das kein Wunder, wenn die Porträrtierten sich selbst „spielen“ (ein Glück). Das kann man nicht ernsthaft als Argument dafür nehmen, dass Trans* im Film eine Rolle spielen.

– Und: Der Hauptdarsteller von Romeos Rick Okon ist NICHT Trans*. Nicht nur das. Kleine Anekdote:
Berlinale 2011, Romeos‘ Regisseurin Sabine Bernardi bei den Q&A, Frage aus dem Publikum: „Warum haben Sie für die Rolle des Transexuellen einen Mann gecastet?“ (allein die Frage ist eine Frechheit. Kleine Nachhilfe: Trans*Männer sind auch Männer). Bernardis Antwort:

Es war mir von Anfang an klar, dass ich einen Mann für diese Rolle wollte, es kam nicht in Frage, eine Frau zu casten.

Autsch. Bingo. In Bernardis Welt gibt es also nur Cis-Männer und Cis-Frauen. Und Letzere tragen lange Haare und Röcke, so dass sie nicht als „Mann“ durchgehen könnten. Vielleicht sollte ich Bernardi ein paar schöne Butch-Lesben vorstellen.

Trotzdem möchte ich dem Film hoch anrechnen, dass er sich keines der vier o.g. Archetypen bedient.

Ok. Also. Ausgehend von dieser Wikipedia-Liste:

– Unter den 8 Filmen, die sich in 12 Jahren mit Trans*männlichkeiten befassten, hatte exact 0 Film einen Trans*Schauspieler.

– Unter den 45 Filmen, die sich in 48 Jahren mit Trans*weiblichkeiten befassten, hatten 3 davon eine Trans*Schauspielerin.

Zweites – und eigentliches Problem: der Vergleich Transface = Blackface

Ich kann mir vorstellen, woher der Impuls kommt: Grishno erhofft sich einen Aha-Effekt. Unter dem Motto: Blackface ist schlecht, also Transface ist schlecht. Denn soweit ich weiß, wird im englischsprachigen Raum mit dieser Form von rassistischer Repräsentation sehr viel sensibler umgegangen als in Deutschland, und Blackface-Vorstellungen gelten heutzutage in den USA als unvorstellbar.

Doch der Vergleich funktioniert nicht.

  • Historisch gesehen: Blackface beruht auf einer rassistischen Tradition und ist nichts anderes als die Inszenierung von Rassendiskursen. Die schwarz angemalten weißen tradieren bewusst ein beleidigendes, stererotypisiertes Bild von Schwarzen Menschen und die Karikatur dient derer Herabwürdigung. Die Blackface-Praxis hat nie die Absicht verfolgt, die Geschichte eines Menschens respektvoll darzustellen, einen Einblick in seine Psychologie zu gewähren, oder die Herausforderungen des alltäglichen Lebens in einer rassistischen Gesellschaft zu schildern. So schlecht die Trans*Rollen auch sein mögen, wird tatsächlich meistens versucht, die Schwierigkeiten der Existenz als Trans* aufzugreifen, so wie Calpernia Addams in ihrem Artikel In Defense of Jared Leto erinnert: Menschen wie Rayon gibt es leider.
  • ‘Rückkoppelungsanalogisch’ gesehen: Der Vergleich suggeriert, dass es beim Blackfacing im Grunde vielleicht auch nur darum geht, dass weiße eine_n Schwarze_n darstellen. Die bewusste Karikatur, die intendierten Beleidigung und Herabwürdigung, sprich die Gewalt dieser rassistischen Praxis werden unsichtbar gemacht. Der Vergleich ist somit kontraproduktiv: Anstatt auf die Gewalt des Transface hinzudeuten, verharmlost er die Gewalt des Blackface.
  • Politisch gesehen: Der Vergleich suggeriert außerdem:

1.  „Trans*“ ist gleich „würde-sich-nie-an-der-Blackface-Praxis-beteiligen“ also „Trans*“ ist gleich „weiß“ (denn nur weiße haben das Privileg sich zu fragen, ob sie sich daran beteiligen wollen) also  „Trans* ist gleich “keine ‘white supremacists’“.

2. „Schwarz“ ist gleich „nicht Trans*“.

Lauter Sophismen natürlich, oder sagen wir mal: lauter Paralogismen, denn der Trugschluss muss ja nicht beabsichtigt worden sein, nicht wahr?

–> Der Rassismus ausgehend von weißen Transgender Menschen wird geleugnet und Mehrfachzugehörigkeit wird ignoriert bzw. ausgeblendet.

Daher re/produziert der Vergleich Transface = Blackface eigentlich Rassismus und weiße Vorherrschaft.

FAZIT

Um ein Problem zu benennen, finde ich wichtig beim Thema zu bleiben. Reichen denn die eigentlichen Gründe, warum die derzeitige mediale Darstellung von Transidentitäten unzufriedenstellend, problematisch und gefährlich ist, nicht aus?

Was wir möchten :

1. eine differenzierte, brauchbare und menschenwürdige Repräsentation unserer selbst, unserer Communities, Lebensentwürfe, Selbstverortungen und -Definitionen und unserer Awesomeness.

2. Trans*Schauspieler_innen sollen sowohl für Trans*Rollen als auch für Cis*Rollen gecastet werden.

3. Cisgender Drehbuchautor_innen, Regisseur_innen und Produzent_innen, die einen Film mit einer Trans*Rolle planen, sollen sich mit dem Thema gründlich/er befassen und bereit sein, über Klischees und stereotypisierte Figuren hinaus zu denken.

4. Mehr Sichtbarkeit für Transgender in der Filmindustrie, sowohl vor als auch hinter der Kamera.

5. Die Berlinale und alle Filmfestivals von Bedeutung sollen einen Preis für den besten Trans*Film schaffen.

6. weiße Trans*Communities sollen sich von Vorbildern und Widerstandsformen anderer Communities gern inspirieren lassen, ohne sich die Errungenschaften aneignen zu wollen, bzw. alles in einen Topf zu werfen und die Spezifizitäten einer Unterdrückung zu leugnen, „weiß zu waschen“, „trans*zu waschen“ oder Mehrfachzugehörigkeiten zu ignorieren.

Fazit 2
Jared Leto kann für 1. bis 6. allein nicht viel.

ABER seine (fehlende) Auseinandersetzung mit dem Thema und seine derart herabwürdigenden Witze muss er ja sehr wohl verantworten. Und rein deswegen finde ich, dass ER die Rolle von Rayon nicht hätte spielen dürfen.

Last but not least, ein tolles Statement von Julie Rei Goldstein von Trans Hollywood

***

Hier geht es zur französischen Version dieses Textes.

Update 18. Juni 14

Ein Freund hat mich darauf hingewiesen, dass Sabine Bernardi für ihren Film « Romeos » einen Transmann casten wollte, nur keinen gefunden – trotz guter Vernetzung und expliziter Suche. Mit « Mann » meinte sie vielleicht ja nicht nur « Cis-Mann ». Sorry für die eventuelle Überinterpretation ihrer Antwort.

***

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11 réflexions sur “Trans* im Film: Das wollen wir ändern

  1. Danke für deinen tollen Artikel! Das aufrechnen und In-Verhältnis-Setzen interessierte mich auch, aber noch war ich zu faul selbst zu recherchieren. Danke, dass du mir das abgenommen hast :).
    Leider finden sich hinter dem Link zur « bei weitem nicht abschließende Liste von Trans*Schauspieler_innen » ausschließlich trans* Frauen, wenn ich nix übersehen habe. Zwar bin ich ganz klar für eine größre Sichtbarkeit von Trans*Weiblichkeiten, doch würde ich mich auch über Trans*männlichkeiten und nicht-binäre Trns* (und inter*) Leute freuen. Hast du da zufällig auch noch was zu gefunden bei deiner Recherche?

    Habe so das Gefühl, dass es in den letzten Jahren in Filmen und Serien zwar immerhin ab und an Trans*weiblichkeiten gab (wenn auch wie von dir dargelegt überwiegend von cis Leuten gespielt, meistens auch noch von cis Typen), aber Transmasculinities bis auf bei « the l word » im englischsprachigen Kino nicht vor kamen. Und Genderqueers & Co. schon mal gar nicht.

    1. Hi Jay, Danke! Die Liste dient als Anregung dazu, welche Trans*Schauspielerinnen hätten Rayon in « Dallas Buyers Club » spielen können – statt Jared Leto. Deswegen werden nur Trans*Frauen/Trans*Weiblichkeiten aufgeführt. Zu den Trans*männlichen Schauspielern fallen mir Tom Nanty ein (http://creative.arte.tv/de/labor/tu-doch-nicht-so-2013), Kay Garnellen, Océan Leroy, Chris Vargas (http://vimeo.com/67951484), Lynn Bredlove (www.youtube.com/watch?v=lZfSEYlix3k) … Dann gibt es eine Menge genderqueer Darsteller in den Filmen von Cheryl Dunye (www.cheryldunye.com), oder im community-Film Valencia (http://sfist.com/2013/05/09/film_based_on_michelle_teas_valenci.php). Beim queeren Filmfestival Entzaubert laufen zahlreiche Filme mit Trans*/genderqueer Darstellern – Ich muss aber sagen, dass fast alle Zitierten (ausser Tom Nanty glaube ich) nicht nur als Schauspieler arbeiten. In « Laurence Anyways » de Xavier Dolan gibt es auch eine Trans*männliche Figur, die aber von einem Cis-Mann (Jacob Tierney) gespielt wird.

      1. Hey Schichtwaise, Danke für Dein Input! Und ja, durch den Trailer hatte ich auch den Eindruck, dass « Mein Freund » kein Trans*Film ist – Jay, wollte aber auch Tipps über Genderqueers & Co- Schaupieler’innen, so here it is 🙂

    2. Zwar nicht im Kino, aber im U.S.-TV gibt es aktuell Tom Phelan (http://tomphelan9.tumblr.com/), eine_n non-binary-identifzierte_n Schauspieler_in (engl. Pronomen « they ») in der Rolle eines jungen Transmanns in der (auch sonst empfehlenswerten) Serie « The Fosters ».

  2. Bei der Oscar Rede hast du aber was ausgespart?

    Da sagt er nämlich (ganz am Ende) durchaus was, wenn auch recht allgemein:
    « To those of you out there who ever felt injustice because of who you are and who you love – tonight I stand here in front of the world with you and for you. »

    das heißt nicht, dass ich dir nicht zustimme. es braucht mehr trans* Schauspieler im Film. aber deine Frustration an Jared Leto auszulassen finde ich falsch.

    1. Hi Lara,
      wie Du ja auch schreibst, sind diese Schlußworte recht allgemein und laufen im Grunde auf dasselbe hinaus wie « an alle Träumer dieser Welt » – das heißt, Jared Leto schafft es nicht ein einziges Mal, Trans*Menschen beim Namen zu nennen. Darum habe ich es nicht für nötig gehalten, seine Schlußworte auch noch aufzuschreiben – letztendlich ist auch das Video da, um angeschaut zu werden.
      Und wenn Du meinen Artikel genau gelesen hast, ist J. Leto nicht das Thema sondern der Anlaß, und ich beziehe mich auf vieles anderes. Also nein, ich lasse meine Frust nicht an J. Leto aus.

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