Ehrlichkeit

Ich habe angefangen zu weinen. Als ich das Lied „Honesty“ hörte, das ein_e Freund_in mir geschickt hat, mit dem Hinweis, sier habe es mir heimlich ^^ gewidmet, habe ich geweint. Und nicht nur, weil diese_r Freund_in jetzt in Kanada lebt und das Vermissen mich plötzlich überkam.

Eine Weile hatte ich in der Hosentasche einen bestimmten Zettel fast immer dabei. Auf dem Zettel stand eine Liste von Gefühlen. 222 negative Gefühle, und fast genauso viele positive Gefühle. Wurde ich gefragt, wie ich mich gerade fühlte, zuckte ich die Liste und suchte nach dem passenden Gefühl.

Mir war es nicht nur wichtig herauszufinden, wie ich mich ja eigentlich fühlte – mir fällt das nicht immer leicht -, und dabei versuchen so genau wie möglich zu sein, sondern ich wollte auch ehrlich sein.

Ehrlichkeit hat mit Nähe zu tun.

Mit 17 habe ich versucht mich umzubringen. Der Auslöser (nicht der Grund) war, dass ich von dem gefühlt einzigen Menschen, der mir damals nah war, belogen wurde. Und noch dazu: Aus Liebe. „Um mehr Zeit mit mir zu verbringen“. Kurz gefasst: Ich war in ihn tief verliebt, hatte bei ihm die Samstagsnacht verbracht, in Lille, 30 km von zu Hause entfernt, ich musste los, Sonntag, Mittagessen mit der Familie, wichtig. Im Halbschlaf habe ich gehört, wie er den Bahnhof anrief, um sich zu erkundigen, wann ich einen Zug kriege, ich habe gehört, dass es zwei Zugverbindungen gab – 10:34 und 16:34 – ich habe gehört, wie er später zu mir sagte: „Sonntags gibt’s nur eine einzige Zugmöglichkeit“. Ehrlich gesagt, mir war in dem Moment piepegal, dass ich an seiner Lüge-Auswahl – würde er nun sagen: „Schatz, du musst schnell los!“ oder „Schade, ich glaube, Du mußt noch ein bisschen länger bei mir bleiben“ – seine „Liebe“ zu mir hätte messen können. So oder so war für mich von Liebe keine Rede mehr.

Mein Selbstmordversuch hat nicht geklappt, aber danach habe ich gefühlt sechs Monate lang nicht mehr gesprochen. Ich meine, überhaupt.

Ehrlichkeit ist, was mich menschlich macht.

Ehrlichkeit hat mit Vertrauen zu tun, mit Nähe, mit Fürsorge, mit Menschlichkeit, mit Liebe.

Die Ehrlichkeit, an der ich gern vorbeigehe, ist von Hecken aus Sonnenblumen umgeben.

Daher bringt mich Ehrlichkeit zum Lächeln. Ein Lächeln, das den Blick auf eine große Zahnlücke zwischen meinen vorderen Schneidezähnen frei gibt.

Meine Sehnsucht nach Ehrlichkeit wurde manchmal belächelt. Sie wurde mit Naivität gleichgesetzt. Sie stieß auf Unverständnis. Oder auf Unbehagen. Manchmal habe ich – vielleicht – Ehrlichkeit und emotionale Ohrfeige verwechselt. Ich war ungeschickt. Unangebracht. Je gemeiner, desto ehrlicher, dachte ich. Ich habe Leute verletzt. Ich wurde verletzt. Habe Freundschaften verloren. Habe mich von Freundschaften verabschiedet.

Und doch bleibt Ehrlichkeit für mich eine der wichtigsten Eigenschaften.

Ehrlichkeit erweitert die Grenzen zwischen Sprechen und Schweigen. Zwischen Schweigen und Schreien. Ehrlichkeit hat mit Menschlichkeit zu tun, mit Fürsorge, Liebe, Nähe, Vertrauen.

Wenn ich aufhöre, ehrlich zu sein, oder ehrlich sein zu wollen, fängt mein Desinteresse an.

Heute versuche ich Ehrlichkeit mit Herzenswärme zu verbinden.*

Wie ich hier schrieb:

Ich möchte versuchen, die Fallhöhe zwischen Wort und Wahrheit zu verringern.
Alternativ will ich den Schwindel lernen zu ertragen.

*Leider gelingt mir das nicht immer.
PS: Dem Staat gegenüber folgt mein Bedürfnis nach Ehrlichkeit einer anderen Logik.

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