Offener Brief an die SPD Hamburg

Absender: Der Migrant ohne Migrationshintergrund

An buero@spdfraktion-hamburg-mitte.de

kontakt@spd-hamburg.de

info@schorsch-hamburg.de

Betreff: Höflichkeit und Integration

Liebe SPD-Bezirksfraktion hamburg-mitte,

Liebe SPD Landesorganisation Hamburg,

ich erfahre, dass Sie ein Gemeinschaftszentrum im Stadtteil St.-Georg-Mitte errichten wollen, dessen Herzstück ein von Ihnen so genannte „Integrations- und Familienzentrum“ werden soll.

Gleich vorweg: Ich bin Ausländer, doch werde in Deutschland nicht zur Integration aufgefordert.

Ich bin Migrant, habe aber keinen Migrationshintergrund.

Oder: Ich bin Migrant aber kein Migrant.

Ja, manchmal ersetzt die Konnotation eines Wortes dessen ursprüngliche Bedeutung fast komplett: „Migrant_in“ gleich „nicht-im-Herkunftsland-lebend“, das war gestern. Heute dient der Begriff „Migrant_in“ der Stigmatisierung und dem Ausschluß aus der Dominanzgesellschaft.

Integrationskurs im Schnelldurchgang

Ich persönlich lebe nicht in meinem Herkunftsland, werde aber nicht aufgrund von meinem Herkunftsland stigmatisiert. Solche und solche Migrant_innen gibt es in Deutschland. Ich bin Franzose. Sagt Ihnen das was? Wenn ich in Deutschland gefragt werde, woher ich komme, sagen viele verzückt: „Aus Frankreich? Wie schöön!“ Als hätte ich ihnen gerade die Lösung einer heiklen Angelegenheit gegeben – oder einen Gutschein für eine Führung durch den Eiffelturm.

Von « Guten Umgangsformen im Alltag »

Nun möchte ich Ihnen eine kleine Anedokte erzählen.

Am 3. 2. 2014 war ich in Hamburg, um eine Freundin zu besuchen. Meine Freundin kommt aus Syrien – das sage ich Ihnen jetzt nicht, damit Sie eine Antwort aus dem Repertoire „Die Lieblingsfragen der meisten Deutschen“ bekommen, oder damit Sie denken, irgendetwas über meine Freundin wissen zu können, sondern weil es in dem Fall relevant ist. Meine Freundin ist Aktivistin in der syrischen Opposition. Hier können Sie ein Interview mit ihr auf FSK nachhören. Das Forum, dem sie angehört, hat es kürzlich geschafft, dass 25 syrische Studierende sofort an die Universität Paris-Est Créteil aufgenommen werden. Meine Freundin ist auch Poetin, deren Texte Sie nicht mehr loslassen, wenn Sie sie einmal gelesen haben. Lassen Sie mich nur zwei Zeilen zitieren:

At night we recall memories instead of reading stories At night we count dead friends instead of counting sheeps

Manchmal bin ich traurig und meine Freundin ist diejenige, die mich tröstet. Soweit zur Integration.

Am 3. 2. 2014 vormittags will sie zu einer Behörde gehen. Auf dem Weg werden wir trotz des grünen Lichts des Ampelmännchens von einem Autofahrer beschimpft, der der Meinung ist, wir würden nicht schnell genug über die Straße gehen. Wir versuchen, uns die gute Laune nicht verderben zu lassen. Bei der Behörde teilt meine Freundin der Mitarbeiterin am Schalter mit, warum sie da ist. Manchmal übersetze ich für sie, manchmal nicht. Meine Freundin ist ausgezeichnet höflich und ihr ist es ein großes Anliegen, den Autochthonen in deren Sprache zu begegnen, damit diese sich wohl und ernst genommen fühlen. Die Mitarbeiterin guckt uns an, ohne zu lächeln. Sie sagt meiner Freundin, dass sie jetzt keinen Termin kriegen kann, sie muß ein gelbes Formular ausfüllen, dann wird sie innerhalb von 48 Stunden angerufen und vielleicht bekommt sie einen Termin (die Mitarbeiterin betont das Wort „vielleicht“). Während wir uns entfernen, sagt die nächste Person in der Schlange zu mir: „Was? du bist gekommen um zu übersetzen, oder wie?“ Es ist schwierig, ihren Ton schriftlich wiederzugeben. Man muss sich eine Mischung aus empörtsein, angepißt, erstaunt und beängstigt vorstellen, als hätte ich ihr den Teller mit ihrem Lieblingsgericht aus der Hand genommen und auf den Boden geschmießen, obwohl sie seit drei Tagen nichts mehr gegessen hat. Ich bin sehr verwundert. Auch weil ihre Frage aus dem Nichts kommt. Und irgendwie bin ich auch genervt.

Anschließend gehen wir ins Budni ein paar Meter weiter weg. Dort wollen wir eine Peeling Creme kaufen, die meiner Freudin von ihrer Ärztin aus medizinischen Gründen empfohlen wurde. Da wir beide nicht wissen, wo solche Cremen sich befinden, will ich eine Kundin fragen, die vor dem Duschgel-Regal steht und sich eben Duschgels anguckt. Ich gehe auf sie zu und frage sie, ob sie mir vielleicht einen Tipp geb…, sie greift nach ihrem Einkaufskorb und verzieht sich, ohne ihren Blick auf mich überhaupt richten zu wollen. Aus der Ferne sagt ihr Rücken „Ich bin nicht vom Laden!“. Ich bin sehr verwundert. Sieben Minuten später haben meine Freundin und ich noch keine Peeling Cremen entdeckt, nun stehen wir am Regal der Tagescremen. Zufällig ist die Rückenrednerin auch da. Ich will mir eine Creme mit Ingwer genauer anschauen und drei Sekunden lang überlege ich, der Dame ein Versöhnungsangebot zu unterbreiten – irgendwie weiß ich, wie es ist von random Typen angesprochen zu werden, mit Fragen, die eventuell wie ein Vorwand klingen, ich kenne doch das Patriarchat. Bevor ich die Versöhnungsidee weiterspinnen kann, seufzt die Frau demonstrativ, greift nach ihrem Einkaufskorb und murmelt: „So eine Frechheit“ und verzieht sich. Ich bin sehr verwundert. Zu Hause will meine Freundin ihre Hausaufgaben für ihren „Integrationskurs“, der am Nachmittag stattfindet, machen. Die Lektion des Tages ist Höflichkeit. In Deutschland sei Höflichkeit sehr wichtig. Das wird anhand von Übungen erklärt sowie mit einem Text über den Unterschied diesbezüglich zwischen Deutschland und Syrien. Meine Freundin und ich müssen lachen – gleichzeitig finden wir das aber ziemlich schmerzhaft.

Deutsche Integration

Wenn ich richtig verstehe, heißt Integration, dass ein Mensch, um hierzulande (unauffällig) leben zu können, d.h. wie die Mehrheitsautochthonen, lernen muß: – nicht zu lächeln – Leute zu ignorieren – zu beschimpfen – zu beleidigen – bloß keine Auskünfte im Supermarkt zu geben – abzuhauen.

Vorsicht: „Integrationszentrum“ darf nicht verwechselt werden mit „Desintegrationszentrum“, welches Menschen kaputt macht.

Unter „Integrationszentrum“ stelle ich mir folgende Einrichtungen vor:

– Lernzentrum der Universität am Fachbereich Mathematik Integralrechnungen

– Serviceleistung von Reiseveranstaltern, um (deutsche) Tourist_innen auf einen respektvollen Urlaub im Ausland vorzubereiten

– Fortbildungszentrum der Agentur für Arbeit bzw. von jeglichen staatlichen Institutionen, um deren Mitarbeiter_innen mit den verschiedenen Lebensrealitäten ihrer „Kund_innen“ vertraut zu machen

– Vielleicht haben Sie weitere Ideen?

Der Christen-Test

Noch etwas zur „Integration“ von französischen bzw. christlichen Migrant_innen in Deutschland: Wenn ich bedenke, wie in Frankreich gegen die Homo-Ehe demonstriert wurde, vor allem seitens der katholischen Community, denke ich, dass Deutschland für die Einbürgerung französischer Bewerber_innen einen gesonderten „Gesinnungstest“ einführen sollte: „Der Christen-Test“.

An Christine Boutin, ehemalige Familienministerin, die 1999 von ihrem Abgeordnetensitz aus mit der Bibel wedelte, um das sündige Homo-Ehe-Gesetzesprojekt zu verdammen: „Frau Boutin, stellen Sie sich vor, Ihr volljähriger Sohn kommt zu Ihnen und erklärt, er sei homosexuell, wie reagieren Sie?“ An Papst Franziskus: „Herr Franziskus, Hätten Sie bei bestimmten Berufen Schwierigkeiten, eine Frau als Autoritätsperson anzuerkennen?“

Zu guter Letzt: Als Alternative zum Namen „Integrationszentrum“ hat die Autorin und Künstlerin Noah Sow in ihrem offenen Brief an Sie folgende Vorschläge gemacht:

– Miteinanderzentrum

– Junges Stadtteilzentrum

– Kulturzentrum (prophylaktisch: bitte nicht ‘Multi kulti’.)

– Gemeinschaftszentrum

– Mitmachzentrum

– Communityzentrum

Liebe SPD-Bezirksfraktion hamburg-mitte,

Liebe SPD Landesorganisation Hamburg,

greifen Sie zu!

Damit sparen Sie nicht nur die Kosten für wertvolle (und teuere) Texter_innen, sondern bekommen auch eine kompetente Unterstützung für stilsichere, diskriminierungsfreie und zielgruppenorientierte (1) Benennungen „ohne implizierte strukturelle Gewaltausübung“. Ich bin gespannt, welchen Namen Sie für das gute Herzstück nun auswählen werden.

In diesem Sinne

mit freundlichen Grüßen

Jayrôme C. Robinet

(1) Unter „Zielgruppe“ verstehen wir natürlich nicht die Dominanzgesellschaft, denn ich will wirklich glauben, dass Sie ein breiteres Verständnis von Gesellschaft haben. PS: Ich behalte mir vor, jeglichen Schriftwechsel zu Zwecken der Dokumentation und Aufklärung zu veröffentlichen.

höflichkeit

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