GroKoTalk – oder Alltägliche Transphobie

« Die Bundesregierung will den Kampf aufnehmen … gegen Transphobie. Ich wusste gar nicht, was das ist, ich musste erstmal nachschlagen. Transphobie ist, wenn ich eine Abwehr gegen Menschen habe, die das sogenannte dritte Geschlecht haben, weil sie sich nicht entscheiden können, ob sie morgens Frau sind und abends Mann – oder umgekehrt. »
Jan Fleischhauer

Am Sonntag, den 15.12.13, fand ein Talk zur Großen Koalition mit Lorenz Maroldt (Tagesspiegel), Brigitte Fehrle (Berliner Zeitung), Bettina Gaus (taz), Jakob Augstein (der Freitag) und Jan Fleischhauer (Spiegel online) auf radioeins statt.

Auf die Frage des Moderators Marco Seiffert, welcher Punkt im Koalitionsvertrag Deutschland am meisten verändern werde, antwortete Jan Fleischhauer eben o.g. Quatsch, als Beispiel dafür, was alles Absurdes in diesem Vertrag stehe – neben der Tatsache, dass die GroKo daraufhin wirken wolle, dass deutlich mehr Fahrradfahrer Helm tragen, das Service in Deutschland besser werden solle und die Bedienung freundlicher.

Der komplette Talk zum Nachhören oder Anschauen – Zitat von J. Fleischhauer bei 72’47’’

Die Moderation hat leider nicht interverniert, genau so wenig wie die Ko-Kommentator_innen.

Also. Ok.

Zur Transphobie. Transphobie ist:

1. Institutionell
– Das Medizinische Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen gibt u.a. eine Psychotherapie von mindestens 12 Monaten mit anschließender Stellungnahme des_der Psychotherapeut_in als Voraussetzung zur Hormonersatztherapie vor. Dabei wird nicht die Trans*Person selbst als Expertin in eigener Sache betrachtet, sondern Menschen, die sich möglicherweise nie Gedanken über ihre eigene geschlechtliche Identität gemacht haben. Als müsse ein Juwelier zum Psychiater, um den Goldgehalt eines Schmuckstückes zu ermitteln. Ich glaube, wie die « Expertise » bei mir gelaufen ist, hätte genauso gut mein HNO-Arzt die Stellungnahme schreiben können.

– Für die Personenstandsänderung galt im Transsexuellengesetz bis 2011 die Zwangssterilisation, was erst durch ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts außer Kraft gesetzt wurde. Aber in vielen Ländern (z.B. Frankreich) ist Unfruchtbarkeit immer noch Voraussetzung.

– Krankheitskatalogen sehen Trans*sein als Identitätsstörung an – Siehe Bündnis STP2012 – Stop Trans* Pathologisierung

– Diskriminierung im Ar­beits­recht, Fa­mi­li­en-​ und Ehe­recht (das Recht dif­fe­ren­ziert nach Geschlecht und bringt somit Pro­ble­me für Trans* hervor)

– Diskriminierung und Mißhandlungen durch die Polizei – Siehe auch die Pressemitteilung von LesMigraS und GLADT nach wiederholter polizeilicher Gewalt an einen Trans* of Color am 23.10.13 in Berlin

– Diskriminierung im Strafvollzug, u.a. Verneinung der Ver­le­gung in die An­stalt des gelebten Geschlechtes – Siehe Zusammenfassung der Dissertation „Transexualität und Strafvollzug“

2. Strukturell
– Erschwerter Zugang zum Arbeitsmarkt
– Erschwerter Zugang zum Wohnungsmarkt
– Diskriminierung im Gesundheitswesen
– Diskriminierung im Bildungswesen

Siehe Studie Benachteiligung von Trans*Personen insbesondere im Arbeitsleben

3. Medial
– In der Berichterstattung: Sensationsgeilheit, falsche Pronomen, Fokus auf medizinische Maßnahmen, Trans*Geschichte fast immer als Leidensweg geschildert, u.a. – Siehe Pressemitteilung von TrIQ Stop mit „Väterin“, „Mama-Mann“, „Gebärvater“ in den Medien

– Im Film: Figur des leidgeplagten / einsamen / ermorderten oder komischen / überdrehten  Trans*Menschen. Und wann wird endlich mal ein_e Trans* Schauspieler_in eine Trans*Figur darstellen dürfen?

– In der Werbung. Zum Beispiel Bionade:


Transgenderradio-Beitrag zur Frage: « Ist der neue Bionade-Werbespot trans*phob? »

4. Zwischenmenschlich
– Übergriffige Fragen – Siehe 2 hot transexuals finally give some answers (in english)
– Verbale und/oder psychische Gewalt
– Physische und/oder sexualisierte Gewalt
– Hassverbrechen – Siehe Trans Murder Monitoring Project
– Erotisierung bzw. Objektifizierung von Trans*Menschen

Und es liesse sich noch mehr über Transphobie im Sport oder in der Familie sagen …

Wichtig ist, sich daran zu erinnern:

Trans* werden nicht von Transphobie negativ betroffen, weil sie Trans* sind, sondern weil die Gesellschaft transphob ist.

Hier nützliche Tipps für Jan Fleischhauer. Und die Presse. Im Allgemeinen. Aber nicht nur.

Trans* in den Medien – Informationen für Journalist_innen

Und bevor sich jemand aufregt, weil er_sie das eine oder das andere « nun nicht mehr sagen darf », sehe ich die Sache eher so: Wenn ich erfahre, dass ich seit Jahren etwas falsch verwende, freue ich mich dankend über den Hinweis. Das macht das Leben wirklich einfacher für alle.

« Sie benutzen die Alufolie-Rolle falsch. »

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3 réflexions sur “GroKoTalk – oder Alltägliche Transphobie

  1. Hallo Jayrôme, du vermischst da die rechtliche und medizinische Seite. Nicht das Transsexuellengesetz schreibt eine mindestens 12 monatige Psychotherapie vor der Hormonbehandlung vor, sondern die Begutachtungsrichtlinien des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen.
    Beim TSG geht es ausschließlich um die Vornamens- und Personenstandsänderung.
    (Das eine ist die medizinische, das andere die rechtliche Seite. Wird oft verwechselt oder vermischt.).

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