Statt Schäfchen zählen …

Ruham, habibti – right, you prefer „habibi“ –
Ruham, habibi
weißt Du noch
in Hamburg am Wasser
zwischen Landungsbrücken und Baumwall
das Wohngebäude, das abgerissen war
komplett zerschlagen, mit Abrissbirne und so
weißt Du noch
wie die mächtige Baustelle klimperte und knatterte und donnerte
Abbruchhammerlärm bis über beide Ohren
weißt Du noch
wie wir an der restlichen Mauer den Abdruck einer Treppe noch erkennen konnten
skurrile Zigzaglinie gleich einem schrägen Fossil
sonst überall Staub und Steine Steine Steine
ich habe gehofft, dass Du nicht daran denkst
ich habe gebetet, dass Du nicht daran denkst
Ich bete sonst nicht habibi
aber mit einer leichten Kopfbewegung hast Du auf die Trümmer gedeutet und gesagt:

Assad was here

wir sind stehen geblieben
habe ich Dich in meinen Arm genommen?
habe ich das gemacht?
sag mir, dass ich Dich in meinen Arm genommen habe …

dann hast Du mir ein Bild in Deinem Handy gezeigt
ein Foto von Deiner Straße in Damaskus
im Handy das klitzekleine Bild von Deinem gesprengten Haus und im Hintergrund in 3D das gewaltige gesprengte Haus in Hamburg

I wish I wouldn’t have a memory, you say

weißt Du noch in der Nacht bei mir in Berlin,
als Du mir NICHT erzählt hast wie Du gefoltert wurdest
erzählt hast Du nur von den Narben
aber es gab weitere Worte innerhalb Deiner Worte
zwischen den Buchstaben zahlreiche Zeilen
ich habe Dich gut zugedeckt
mit zwei Daunendecken und Wärmflasche und Jasminduft und fünf Teddybären
sogar meine Katze hat sich gemütlich auf Dich über dem Berg von Decken gesetzt
als hätte sie etwas gespürt
dann hat sie geschnurrt, als Krönung, mit halb verschlossenen Augen

I wish I wouldn’t have a memory, you say, then I could sleep

habibi, wir teilen uns Pizzastücke, trinken Bier, laufen Arm in Arm durch Nebelschichten
in den vier Wänden des Nebels verschlingt der Nebel Atem Blicke und Beine
wird Atem Atem verschlingen
fünf Meter über dem Bürgersteig halten Lichthalonen Wache
unscharf wie Schäfchen
fünf Meter über unserem Hauch
hin- und hergerissen zwischen Raum und Frost
es ist arschkalt hier, komm, lass uns ins Solarium gehen!
warum ist noch niemand auf die Idee gekommen, die Straßenlaternen mit UV-Licht zu versehen?
Das würde die Stimmung im Lande sicherlich verbessern!
habibi, wenn Du lachst, gibt es plötzlich keine Luftschläge mehr

nach dem Sonnenstudio sagst Du:
it was better than going to the shrink
it was so hot, like on the beach in Dubai
like summer holidays

glatt wollen wir unseren Freunden eine Urlaubspostkarte senden:
„From Solarium with Love!“
habibi, wenn Du lachst …

I wish I wouldn’t have a memory, you say, then I could sleep, but if I wouldn’t have memories then I wouldn’t have anything to wake up for

vor kurzem hast Du gezittert
epileptischer Anfall
Du bist gestürzt
Deine Schulter ist verletzt
doch im Krankenhaus willst Du nicht bleiben
der alte deutsche Arzt, den Du einige Tage später aufsuchst, brüllt Dich an,
warum Du nicht im Krankenhaus geblieben seiest
er versteht Dich nicht
kann Worte innerhalb der Worte nicht hören
der alte Neurologe, spezialisiert auf Neurologie nicht auf Menschen

I wish I wouldn’t have a memory, you say, but if I wouldn’t have memories then I wouldn’t have anything
you say
at night we recall memories instead of reading stories
at night we count dead friends instead of counting sheeps

Ruham, habibi
I will make out of my heart and my soul a safer space for you
I’ll make memories and dreams slowly snow for you, dreams and memories so light you can share them with anybody you wish
I will pave your way through the intimacy of fog
I’ll provide every street light of that frozen country with sun bulbs and collect every sheep around and charge my cat to keep an eye on them while you’re sleeping and if she falls asleep – you know her – I will take my turn
I’ll make your laughter having nothing to prove to any destroyed apartment building to any air-raid to any shrink

1.2.3.4 I count I count I count, you say
I wish our life’s record automatically plays backwards, you say
so I can loose the guilt of being away and I could sleep

Ruham, habibi, you’re not guilty to be alive

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5 réflexions sur “Statt Schäfchen zählen …

  1. mit deinem Text machst du mir die « Worte innerhalb der Worte » hörbar, du öffnest mir den Blick für die « Buchstaben zwischen den Buchstaben » und ich bleibe zurück mit dem dringenden Bedürfnis mehr tun zu können als zu lesen.
    Yasmina

  2. Seitdem ich den Text gelesen habe stecke ich irgendwo fest zwischen sprachlosen Mitgefühl, Hilflosigkeit und dem Bedürfnis, nicht sprachlos zu reagieren sondern zu zeigen, dass ich erreicht wurde.
    Es ist der Unterschied zwischen dem Schreiben-Über und dem Schreiben-Von. Über etwas zu schreiben setzt immer den Abstand, das Darüberstehen voraus. Von sich, von Erfahrungen und Menschen zu schreiben ist der unmittelbare und authentische Blick auf einen einzelnen Menschen, mit Namen und Geschichte.

  3. Mich berührt es sehr, wie du es schaffst, von dir undd trotzdem von ihr zu sprechen. Ich denke schon seit einigen Tagen über deinen Text nach, er hallt lange nach.

  4. Ich lese Deine Zeilen und fühle mich Ruham sehr verbunden und nah, lieber Jayrome…und auch Dir. Ruhams Geschichte berührt mich, aber auch Du berührst mich mit Deinem liebevollen Da-Sein. Ich bin froh für Ruham, dass sie Dich kennt. Und für mich auch!
    Pat

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