Legitim

Ich komme aus einer bildungsbürgertumsfernen Arbeiterfamilie und Mittelschicht. Ist das nicht klasse? Das Wort? Bildungsbürgertumsfern. Das Wort « bildungsbürgertumsfern » verdanke ich ClaraRosa. Das Wort « bildungsbürgertumsfern » benutze ich gern.

So gern ich das Wort « bildungsbürgertumsfern » doch benutze, rufen Gedenk-Und-Produktionsstätten-Der-Legitimen-Hochkultur  – wie Universitäten, Hochschulen, Theaterhäuser … – in mir einen Komplex (in beiden Sinnen) aus Frust, Wut, Minderwertigkeitsgefühl und « Du bist ein Schwindler »-Gedanken hervor. Oft glaube ich, ist das so, als würde ich die Codes nicht besitzen, die ungeschriebenen Regeln nicht kennen. Steht in der Ankündigung eines öffentlichen Uni-Vortrages « Anmeldung erforderlich », traue ich mich nicht, spontan hinzugehen. Falls ich doch zur Einsicht komme, dass es unangemeldet vielleicht auch OK ist, merke ich, wie mein Herz schneller wird und meine Schritte immer langsamer, je mehr ich mich dem Uni-Gebäude nähere. Was, wenn ich nicht rein darf? Bin ich nicht gerade dabei eine uni-goldene, uni-heilige Anmeldungsregel zu brechen? … Keine Ahnung.

Wie wir (vielleicht) wissen, re/produziert das (deutsche) Bildungssystem rassistische, klassistische und ableistische Diskriminierungen und Ausschlüße (siehe Studie der Open Society Justice Initiative über das Schulsystem in Deutschland). Ich glaube an die Möglichkeit der Veränderung. Ich selbst habe mich in den letzten zehn Jahren ziemlich verändert. Meine zwei Erzählbände habe ich aus diesem Grund auch vom Markt genommen – eines Tages werde ich darauf zurück kommen.

Und oft begrüße ich Veränderungen.

Freitag, 3. Präsenzwochenende des Masterstudiengangs im Biographischen und Kreativen Schreiben an der Alice-Salomon Hochschule.

Übung: Musikhören als Kreativitätsförderung.

Wir, 99 % weisse Studierende, sollen uns 15 Minuten von Richard Wagners Arie der Isolde “Liebestod” auf Youtube anschauen, uns davon inspirieren lassen und dann einen kurzen Text über Liebe und Tod verfassen.

Da mache ich nicht mit. Teile es dem Dozenten und der Klasse auch mit. Kein Interesse Wagner zu hören, um über Liebe zu schreiben. Musik als Kreativitätsförderung nutze ich eh immer, 50 % der Zeit schreibe ich mit Musik, indem ich Musik höre, weil ich Musik höre, manchmal sogar schreibe ich, DAMIT ich Musik intensiver hören kann. In dem Fall aber ist die Auswahl des Tracks eher schlecht. Wird bei mir eher kontraproduktiv. Schlage stattdessen vor, meine Kopfhörer aufzusetzen und durch Musik aus meinem eigenen MP3-Player mich zum Schreiben anregen zu lassen.

Während an der Wand vor mir zwei vom Beamer projizierte Tristan und Isolde tonlos Mundbewegungen produzieren, höre ich Pink Gurl von Noiseaux. Dann « I have a loaded voice » und « There can be home ». Ehrlich gesagt fühle ich mich ziemlich gut.

Mit fast 37 habe ich inzwischen je nach Situation Strategien entwickelt, wie ich auf mich aufpassen kann. In diesem Fall:

– Wenn sich etwas für mich nicht richtig anfühlt, muss ich das nicht tun. Kann, muss nicht. Schluss aus.

– Schlechtes Gewissen brauche ich nicht. Schlechtes Gewissen sehe ich nicht als sinnvoller, konstruktiver Grund, um irgendetwas zu machen.

Nach der Schreibübung: die übliche Vorlese- und Feedbackrunde. Auf die Frage hin, was ich statt Wagner denn so gehört habe, erzähle ich von Noiseaux, aka Noah Sow, Schriftstellerin, Musikerin, Sängerin, Produzentin und Aktivistin. Ich erzähle von ihren politisch/poetischen Texten, die mich berühren und bewegen. Ich erzähle von ihrem Buch Deutschland Schwarz Weiß, das den alltäglichen Rassismus auf den Grund geht.

Da einige Studierende sichtlich interessiert sind und anfangen, sich die Infos zu notieren, stehe ich unangemeldet auf. Ich will die beiden Namen « Noah Sow » und « Noiseaux » am Flipchart schreiben, kann aber keinen Edding finden. In mein Blickfeld gerät ein Kugelschreiber, der unschuldig auf dem Schreibtisch des Dozenten liegt. Wie von selbst will ich nach dem Kuli greifen, bis mir in letzter Sekunde einfällt, dass es in den Gedenk-Und-Produktionsstätten-Der-Legitimen-Hochkultur einige Codes und Regeln gibt, z.B. dass man vorher fragt und Danke sagt und so.

Ehrlich gesagt, fühle ich mich, wenn ich mich wieder auf meinen Platz begebe, ziemlich brillant.

« No Democracy » von Noiseaux:

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